Zwei Ermittler auf den Spuren der menschlichen Abgründe: Die HBO-Serie „True Detective“ entdeckt mit ihrer lethargischen Erzählweise die Langsamkeit neu und gipfelt in einem wahren Feuerwerk an Originalität.Warum die Serie schon jetzt zu den besten aller Zeiten zählt, erklärt Euch IOFP passend zum Verkaufsstart der ersten Staffel am 4. September.

Oscar-Gewinner Matthew McConaughey spielt in "True Detective" Rust Cohle.

Oscar-Gewinner Matthew McConaughey spielt in „True Detective“ Rust Cohle.

Touch Darkness and Darkness Touches you Back!

Schon das Opening von „True Detective“ ist eine Kunst für sich: Eine Minute und dreißig Sekunden dauert ein kunstvoll zelebrierter Vorspann, dessen Silhouetten und Figuren direkt aus David Lynchs „Twin Peaks“ stammen könnten. Wie ein Sog saugen diese Credits das Publikum auf und die Bilder hüllen uns ein. In Sicherheit wiegen, wie es manch andere US-Crime-Formate zu Beginn ihrer Laufzeit tun, fällt in „True Detective“ flach. Hier regieren Chaos, Wahnsinn und Tod. Und mittendrin: Matthew McConaughey („Dallas Buyers Club“) und Woody Harrelson („7 Psychos“). Eine Kombination, die etwas unterstreicht, was schon viel zu viele längst wissen: Der Film ist tot, es lebe die Serie! Doch „True Detective“ ist keine Serie. Es ist eine Marke. Ein Phänomen. Es ist seriell erzähltes Nischenkino, das immer wieder verdächtig in Richtung Awards und Hollywood Hills schielt, sich jedoch verdächtig vehement vor Konventionen verschließt. Einen Stoff wie „True Detective“ kann man nicht mehr auf der großen Leinwand erzählen. Dafür kaufen sich die Leute heutzutage lieber Serienboxen ihrer Lieblingsformate, die ihre großen Filmkollegen in Substanz und Anspruch längst überdauert haben. So auch diese Geschichte hier…

Cohle und Hart, zwei Detektive, arbeiten gemeinsam an einem Mordfall im Jahr 1995. Das Opfer, gefunden in der sumpfigen Steppe Louisianas, wurde ritualisiert hingerichtet: Nackt und in Gebetshaltung auf den Füßen kniend, auf dem Kopf eine Art Krone mit Tiergeweih, auf dem Rücken ein Spiralsymbol eintätowiert. Neben dem Opfer – es ist eine junge Prostituierte namens Dora Lange – stehen kleine Zweigengitter, die wie altmodische Vogelfallen aussehen. Symbole, die den beiden Detektiven Rust Cohle und Martin Hart bei der Aufklärung noch helfen sollen – denn so viel steht schon zu Beginn fest: Irgendwann schnappen sie den vermeintlichen Mörder. 

"True Detective": Ab dem 4. September auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich.

„True Detective“: Ab dem 4. September auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich.

Zwei Zeitebenen – Zwei Detective – Zwei Seiten

In Rückblenden erzählen die beiden ikonischen Antihelden in jeder Folge von den Ereignissen, welche die Ermittlungen im besagten Mordfall begleitet haben. Dies geschieht auf zwei Zeitebenen: 1995 geschah der Mord, doch wenn die Detectives von diesem Jahr erzählen, befinden sich beide schon längst im Jahre 2012. Ganze 15 Jahre liegen zwischen damals und heute. Ein Umstand, der einerseits seine Tücken hat, andererseits nie geahntes Potenzial mit sich bringt, um den Zuschauer immer wieder zu verwirren und zum Mitdenken aufzufordern. Hier erkennen wir sie: die menschlichen Silhouetten aus dem Intro, die etwas zu verbergen haben – ein zweites Gesicht, eine dunkle Seite. Der Zuschauer ist sofort in den Bann gezogen. Er fragt sich nicht: Wer ist der Täter und warum geschieht ein solcher Ritualmord wieder, obwohl doch der Täter vor siebzehn Jahren geschnappt wurde? Sondern er fragt sich: Wer sind diese beiden Detektive, was hat sich damals zwischen den beiden gegensätzlichen Charakteren abgespielt? Was steckt hinter den figuralen Fassaden des gefestigten Hart und des gebrochenen Cohle? Warum hat sich das junge Detektivteam nach der Aufklärung des Falls schon bald wieder getrennt? Kennen sich Cohle und Hart selbst, wissen sie um ihre charakterlichen Abgründe? 

Nach und nach entfaltet sich in der Pilotfolge von „True Detective“ die Geschichte immer weiter, je länger die Interviewsitzungen dauern, je länger die Detektive erzählen. Der Zuschauer glaubt Muster zu erkennen, Charakterzüge, die die eigenen Fragen beantworten. Und kann doch in die Irre geführt werden. Warum Cohle trinkt, wird man sich zu Beginn fragen: Hat ihn der damalige Fall gebrochen? Nein, erkennt man langsam in den Rückblenden: Schon 1995 hat Cohle ein Alkoholproblem. Als sein neuer Kollege Hart ihn zum Abendessen einlädt, kreuzt Cohle volltrunken auf: Es ist der Geburtstag seiner verstorbenen Tochter; er versucht die Sehnsucht nach ihr mit Alkohol herunterzuspülen. Hart bittet ihn trotzdem herein, Cohle versucht sich bei dem Abendessen zusammenzureißen. Man erkennt den Schmerz, den der Mann empfindet, wenn er in die Augen von Harts Töchtern blickt. 

Woody Harrelson mimt Detective Marty Hart.

Woody Harrelson mimt Detective Marty Hart.

Beide Schauspieler geben das kontemplative Tempo vor, das „True Detective“ seinen diffusen Reiz verleiht. Hier kann es eine halbe Minute dauern, bis die Zigarette angezündet ist und der Monolog beginnt. Hier kann eine Autofahrt im Streifenwagen schweigend vonstattengehen. Harrelson und McConaughey kosten jede Sekunde aus, auch wenn sie vermeintlich nichts tun. Nach acht Folgen wird ihre Zeit vorbei sein, denn HBO hat „True Detective“ als Anthologieserie ähnlich „American Horror Story“ angelegt: Innerhalb einer Staffel ist der Fall aufgeklärt, eventuelle neue Folgen werden neue Schauspieler, neue Charaktere, neue Morde bekommen. Auch dies macht das Format so gut: Der Zuschauer weiß, dass er nur für kurze Zeit in dieses Charakterdrama eintauchen wird – und kann sich umso mehr auf das extrem langsame Tempo einlassen, kann die Geschichte intensiver erleben. Die Darsteller wiederum können ihre Rolle komprimiert anlegen. 

Fazit

Ikonisch und genial: HBOs „True Detective“ verwebt höchsten Anspruch auf Hollywood-Niveau mit Suspense à la „Twin Peaks“. Getragen von seinen beiden furiosen Hauptdarstellern Matthew McConaughey und Woody Harrelson serviert Cary Fukunaga seinem Publikum schwer verdauliche Kost in kleinen Portionen, deren Suchtfaktor sich – versprochen! – niemand entziehen kann. Schon jetzt freuen wir uns auf die angekündigte zweite Staffel