„Need For Speed“ protzt mit fetten Karren, rasanten Action-Szenen und einem lässigen Aaron Paul in Lederjacke. Aber kann der Film auch mit seinem Inhalt überzeugen? IOFP schaut unter die Motorhaube.

Filmkritik: "Need For Speed"

Tobey Marshall (Aaron Paul) und sein Team

Vom Bildschirm auf die Leinwand

Wir blicken auf das Jahr 1994. Der amerikanische Software-Publisher Electronic Arts veröffentlicht das erste Spiel seiner Autorennspiel-Serie „Need For Speed“ und begeistert etliche junge Erwachsene. Man kann real existierende Wagen fahren, Freunde zum Mitspielen herausfordern und sich Verfolgungsjagden mit der Polizei liefern. Seitdem wurden laut Hersteller über 140 Millionen Spiele der „Need For Speed“-Reihe verkauft und weltweit über 2,7 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht. Ein Wunder, dass bei soviel Beliebtheit erst jetzt ein Film kommt.

Tobey Marshall (Aaron Paul) ist Mechaniker und schraubt mit seinen Freunden Autos zusammen. Als er und sein Kumpel Pete von dem hinterhältigen Ex-NASCAR-Fahrer Dino Brewster (Dominic Cooper) zu einem Rennen herausgefordert werden, willigen beide ein. Während des Rennes rammt Dino Brewster das Auto von Pete, sodass sich dieser in seinem Wagen überschlägt und anschließend stirbt. Die Schuld an dem Mord erhält aber nicht Brewster, sondern der vollkommen unbeteiligte Tobey. Tobey wandert hinter Gitter und schwört von da an Rache an Brewster.

Nachdem Tobey aus dem Gefängnis entlassen wurde, beginnt die Rache-Jagd und auf seinen Kopf wird eine hübsche Prämie ausgesetzt. Für den Ex-Häftling wird damit nicht nur die Polizei zum Problem für seine Vergeltungspläne …

Filmkritik: "Need For Speed" (IOFP.de)

Dominic Cooper in Need For Speed (links), Timothy Olyphant in Stirb Langsam 4.0 (rechts)

Spaß nach Maß

Im Rennspiel-Genre nimmt „Need for Speed“ eine einzigartige Position ein: Setting und Rennpyhsik sind realitätsnäher als bei reinen Fun-Racern wie „Mario Kart“, „Wipeout“, „TrackMania“ oder „Burnout“, gleichwohl obsiegt das reine Spaßelement ungebrochen gegenüber dem Simulationsaspekt. Dadurch sind die „Need for Speed“-Spiele rasanter und überdrehter als strenge Rennsimulationen wie „Gran Turismo“ oder „GTR“. Diese Mischung aus Bodenständigkeit und Wahnsinn, gepaart mit den Kult gewordenen Polizeiverfolgungsjagden, machte das Franchise mit mehr als 140 Millionen verkauften Einheiten zur bislang erfolgreichsten Rennspiel-Reihe der Videospielgeschichte. 

Exakt diese Charakteristika der Vorlage beachtet Scott Waugh in seinem 66 Millionen Dollar teurem Rennfilm: Anders als die „Fast & Furious“-Reihe verzichtet „Need for Speed“ auf völlig überdrehte, mit Hilfe von Computereffekten umgesetzte Stunts, die einem Cartoon entsprungen sein könnten. Stattdessen setzt Waugh auf zwar waghalsige und mitunter abstruse, stets aber beeindruckende, handgemachte Auto-Stunts. Ebenso versteht sich „Need for Speed“ als reines Benzinvergnügen: Blähen sich die „Fast & Furious“-Filme mit Raubzügen, Schießereien und allen möglichen Schurkereien zunehmend zu Actionspektakeln auf, in denen rein zufällig Autos eine Rolle spielen, dreht sich in „Need for Speed“ alles einzig und allein um illegale Straßenrennen – die hin und wieder von der Polizei aufgemischt werden. 

 

"Need for Speed": Ab dem 09. Oktober erhältlich auf DVD, Blu-ray Disc und als Video on Demand.

„Need for Speed“: Ab dem 09. Oktober erhältlich auf DVD, Blu-ray Disc und als Video on Demand.

Tiefsinn lässt sich in „Need for Speed“ selbst mit der Lupe nicht auffinden, jedoch wäre dieser eh bloß Ballast in einem Kinofilm, der möglichst viele, sehenswerte Rennen und Verfolgungsjagden in seine rund 130 Minuten Laufzeit pressen und sein Publikum mit einer zeitgemäßen Antwort auf Autofilm-Klassiker wie „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ unterhalten will. Was aber nötig ist, und die Drehbuchautoren abliefern, ist ein nachvollziehbarer, geradliniger Konflikt, der die Handlung vorantreibt. Da der vom ihm gebotenen Stoff unterforderte, seine Rolle jedoch sichtbar genießende Aaron Paul und der bewusst dick auftragende Dominic Cooper mühelos eine tief verwurzelte Rivalität zwischen ihren Figuren entstehen lassen, hätte der erste Akt durchaus etwas gestrafft werden können, ohne dass der grundlegende Konflikt des Films sonderlich geschmälert worden wäre.

Dennoch ist „Need for Speed“ flott genug erzählt und hat genügend Schauwerte, um seine ausgedehnte Laufzeit zu tragen. Der Spaßfaktor wird dabei von einer illustren Gruppe an Nebenfiguren erhöht: Rami Malek und Ramon Rodriguez geben als zwei Drittel von Tobeys Crew ein genussvoll albernes Duo ab, das genauso gut einem 90er-Blockbuster-Popcornspaß im Stile von „Con Air“ entflohen sein könnte, und Michael Keaton übt sich als überdrehter, dauerphilosophierender Organisator eines wohl wenig legalen Straßenrenn-Radiosenders in amüsanter Selbstverliebtheit. Die heimlichen Stars des Films sind aber Rapper Scott Mescudi und Imogen Poots: Mescudis stets pointierte Sprüche klopfender Tausendsassa, der als die Lage aus einem Flugzeug überblickender Ausguck Tobeys Mannschaft komplettiert, ist mit seiner cartoonigen Rolle für die meisten Lacher im Film verantwortlich. Poots wiederum darf Aaron Paul als Beifahrerin, Stichwortgeberin, und ihn ebenso oft kritisierender wie bewundernder Flirt tatkräftig unter die Arme greifen und gibt im gleichen Atemzug dem männerlastigen Film eine erfrischende Note. 

Fazit

„Fast & Furious“ ohne all den Klimbim – „Need for Speed“ bietet Fans präzise geplanter, spektakulärer Autostunts rund 130 Minuten kerniger Rennfahraction und cooler Sprüche. Kein überkandidelter, dennoch gehaltloser Plot, kein Effektgewitter aus dem Computer. Die Logik darf da gerne auf dem Rücksitz Platz nehmen.