Filme, die Zukunftsszenarien entwerfen, haben vor allem zwei Aufgaben: Zum einen skizzieren sie das Bild einer Gesellschaft, die sich von der unseren erheblich unterscheidet, ohne dabei zunächst wertend einzugreifen. Andererseits soll im Nachhinein beleuchtet werden, was die Auslöser für die gesellschaftlichen Veränderungen waren. „The Purge 2: Anarchy“ geht hierbei jedoch noch einen Schritt weiter. Auf IOFP erfahrt Ihr, warum der Film nicht nach dem Schema F verfährt und somit als gelungenes Sequel angesehen werden darf.

The Purge 2: Anarchy

Am Tag der Säuberung herrscht in den Straßen von Amerika nichts anderes als Anarchie.

Wir schreiben das Jahr 2023. Um die Arbeitslosenquote und Verbrechensrate möglichst gering zu halten, kam den Regierungsvätern der USA der glorreiche Einfall, eine alljährliche „Säuberung“ zu veranstalten. In diesen 12 Stunden treten sämtliche Gesetzte außer Kraft. Den Bewohnern bleiben demnach nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie verschanzen sich in ihren eigenen vier Wänden, in der Hoffnung diese Nacht schadlos zu überstehen, oder sie beteiligen sich an dieser fragwürdigen Aktion und ziehen in die Straßenschlacht. Anders als im ersten Teil, bei dem die feinen Vorstadtsiedlungen das Setting bildeten, folgt der Zuschauer einer Reihe verschiedenster Personen, die allesamt aus der innerstädtischen Mittel- bzw. Unterschicht stammen. Eine Kellnerin verbarrikadiert sich mir ihrer Tochter in der Wohnung. Ein junges Paar bleibt kurz vor Beginn der „Säuberung“ mit dem Wagen liegen. Die zwielichtigste Figur wird jedoch von Frank Grillo („End of Watch„, „Homefront„) verkörpert. Kurz nach dem die Sirenen erklingen und damit den Startschuss verkünden, verlässt er schwer bewaffnet das Haus und durchstreift in seinem Auto die zum Teil menschenleeren Straßen. Die Hetzjagd beginnt. Wer kann sich retten?

Gesellschaftskritik und Dystopie-Entwurf

The Purge 2: Anarchy“ entwirft das Bild einer fadenscheinigen Vorzeige-Gesellschaft. Die Bewohner sind nichts anderes, als von der Regierung geführte Marionetten, die gezielt dazu eingesetzt werden, um sich gegenseitig zu dezimieren. Jedoch wird hierbei keinesfalls mit fairen Mitteln gekämpft. Das Einzige, was innerhalb dieser Gesellschaft Bestand hat, ist das Zweiklassensystem. Dies hat zur Folge, dass es unter den Reichen kaum Opfer zu beklagen gibt, wohingegen sich die unteren Reihen der Gesellschaft stark lichten. Der Ausblick auf eine scheinbar bessere Welt rechtfertigt die diktatorischen Herrschaftsformen und setzt die Bewohner unter repressive, soziale Kontrolle. Das Erschreckende an diesem Szenario ist, dass ein Großteil der Bewohner es gar nicht zu bemerken scheint, wie manipulativ mit ihnen umgegangen wird. Stattdessen scheinen sie dem Tag der „Säuberung“ regelrecht entgegenzufiebern, zelebrieren dies durch ihre zum Teil geschmacklosen Verkleidungen und halten somit den Mythos des Revolver schwingenden Westernhelden aufrecht. Nebenbei spielt dieser Film auch noch mit einem der ältesten Urinstinkte des Menschen – dem Töten. Nur haben sich an dieser Stelle die Vorzeichen verkehrt. Man tötet nicht um des Überlebens willen, sondern aus niederen Gründen – der Mordlust und dem Fetischismus am Akt des Tötens.

The Purge 2: Anarchy

Der Einzelne ist auf der Straße schutzlos ausgeliefert. Schutz findet man nur in einer Gruppe.

Geschmacklosigkeit oder visuelle Kunst?

Um eines bereits vorwegzunehmen: Zartbesaitete sollten Abstand von diesem Film nehmen. In „The Purge 2: Anarchy“ werden nicht nur explizite Szenen des Tötens und Blutvergießens gezeigt, auch die dahintersteckenden Moralvorstellungen dürften das ein andere Gemüt erregen. So werden menschliche Körper von Maschinengewehrsalven durchlöchert und Gliedmaßen abgetrennt. Der Film ist aber keinesfalls als ein Slasher-Film anzusehen, da sich die Gewaltorgien dennoch in Grenzen halten. Zugute kommt dem Film auch sein durchgehender gesellschaftskritischer Unterton, der den Zuschauer immer wieder zum Nachdenken anregt. Erweckt der Film zu Beginn noch den Anschein, man habe es mit einem leidigen Story-Aufguss des ersten Teils zu tun, sorgt der anschließende Twist nicht nur für eine interessante Wende, sondern gar für Entsetzen. Auch dieses Mal kommt der Feind wieder aus den eigenen Reihen, wobei die Form des Voyeurismus ein ganz neues Ausmaß annimmt. Im schockierensten Moment des Films liegt aber auch zugleich eine seiner größten Stärken. Die Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber dem Akt des Tötens, respektive dem Gefallen an dem brutalen Schauspiel, sorgt an manchen Stellen für Gänsehaut. Inszenatorisch besonders dicht, gelingt es „The Purge 2: Anarchy“ dem Zuschauer das Gefühl einer wirklichen Bedrohung zu vermitteln. Inwieweit man als Zuschauer an einer derartigen Inszenierung Gefallen findet, ist Geschmackssache. Das Gedankenexperiment einer sich untereinander auslöschenden Gesellschaft, die als ausführende Exekutive der Regierung handelt, ist im gleichen Maße brisant, als auch erschreckend.

The Purge 2: Anarchy

Eine Stadt im Ausnahmezustand- Der „Purge-Day“ erhitzt die Gemüter.

Die Großstadt als alptraumhaftes Setting

War es bei „The Purge – Die Säuberung“ noch ein kleines Vorortsstädtchen, das als Setting herhalten musste, haben wir es im zweiten Teil gleich mit einer ganzen Stadt zu tun. Die Gefahr scheint nun hinter jeder Ecke zu lauern. Das verwinkelte Straßennetz, die dunklen Gassen und Unterführungen, das neonartige Licht und die zahlreichen Asphaltbauten tragen allesamt zur bedrückenden Grundstimmung des Films bei. „The Purge 2: Anarchy“ legt dabei keinen allzu großen Wert darauf, dem Zuschauer irgendwelche Orientierungs- oder Anhaltspunkte zu liefern. Ähnlich wie den Hauptfiguren selbst, soll auch ihm das Gefühlt vermittelt werden, sich nirgends in Sicherheit fühlen zu können. Die Gefahr bricht oftmals völlig überraschend ein. Der Film setzt auf Schockmomente, die den Zuschauer wachrütteln sollen. Immer dann, wenn man denkt, man befände sich vorübergehend in Sicherheit, schnappt eine Falle zu oder es tauchen neue Widersacher auf. Gerade die vertrauten Umfelder, wie zum Beispiel der Unterschlupf bei Freuden oder die Hilfe eines Nachbarn, können sich zu einer Gefahrenquelle entwickeln. Am Tag der „Säuberung“ ticken die Uhren nun einmal anders. Wenn man selbst der eigenen Familie nicht mehr vertrauen kann, liegt wohl so einiges im Argen. Dem „Purge-Day“ sei Dank…

The Purge - Anarchy

Auf der offenen Straße ist man leichte Beute.

Fazit

Mit „The Purge 2: Anarchy“ erscheint mal wieder ein Film, der das Zuschauerlager in zwei Hälften teilen wird. Die einen werden den Film dafür bewundern, dass er es zu skizzieren schafft, wie man scheinbar per Knopfdruck das gesunde, menschliche Moralempfinden für eine zeitlang auszuschalten vermag. Die anderen werden sich entsetzt darüber zeigen werden, von welch triebhafter Natur die menschliche Rasse ist. Endlich mal wieder ein Horror-Film, dem es nicht nur um die reine Zurschaustellung der Gewalt geht, sondern der stets – zum Teil kritisch-reflektierend – auf die Geschehnisse Bezug nimmt, wobei es nicht selten vorkommt, dass einige Darbietungen aus selbstironischer Perspektive zum Vorschein kommen. Ein Film, der zu gleichen Teilen schockiert, aufrüttet, reflektiert, anklagt und damit definitiv sein Eintrittsgeld wert ist.