Filmkritik: „Nächster Halt: Fruitvale Station“

Wenn Fremdenhass und Polizeiwillkür aufeinandertreffen, ereignet sich das, was in der Silvesternacht 2008/2009 an der U-Bahnstation Fruitvale passierte. Damals erschoss ein weißer Polizist einen Schwarzen. Regisseur Ryan Coogler setzt dem Opfer mit seinem Drama „Nächster Halt: Fruitvale Station“ nun sein filmisches Denkmal. Ohne auf Biegen und Brechen Wut zu schüren, dafür umso ergreifender gelingt dem Filmemacher ein großartiges Biopic.

Das Schicksal des mit 22 Jahren Polizeiwillkür und Fremdenhass zum Opfer gefallenen Oscar Grant kennt in den USA so gut wie jeder, der sich auch nur ansatzweise mit Rassismus und Gewalt gegen Schwarze auseinandersetzt. Der sich in der Silvesternacht 2008/2009 an der Underground-Station Fruitvale ereignete Vorfall ließ die schwarze Gesellschaft schockiert zurück und gab der unkontrollierten Polizeigewalt Weißer gegen Schwarze ein Gesicht. Noch heute pilgern Tag für Tag Tausende Menschen zur Fruitvale Station in Oakland, legen Blumen nieder und gedenken Oscar Grant sowie seiner Witwe und Tochter, die er in dieser verhängnisvollen Nacht allein zurückließ. Der für den tödlichen Schuss auf Grant verantwortliche Polizist plädierte damals auf fahrlässige Tötung – habe er sein Elektroschock-Gerät doch versehentlich mit der Schusswaffe verwechselt. Der Richterspruch: 2 Jahre und 11 Monate Haft. Für viele bis heute unverständlich. Kurzfilm-Regisseur Ryan Coogler setzt dem Opfer in seinem Langfilm-Debüt “Nächster Halt: Fruitvale Station” ein filmisches Denkmal und beweist darin zum einen, dass Spekulationen um eventuelle Oscar-Nominierungen in der vergangenen Award-Saison nicht von ungefähr kamen, zum anderen aber auch, wie wenig Mittel es benötigt, um herzergreifendes Kino zu machen.

Oscar (Michael B. Jordon) an der gleichnamigen U-Bahn-Haltestelle in "Nächster Halt: Fruitvale Station"

Oscar (Michael B. Jordan) an der gleichnamigen U-Bahn-Haltestelle in „Nächster Halt: Fruitvale Station“

Die letzten 24 Stunden im Leben des Oscar Grant

Als Oscar Grant (Michael B. Jordan) am Morgen des 31. Dezember 2008 aufwacht, spürt er, dass etwas in der Luft liegt. Ohne genau zu wissen, was es ist, nutzt er die Gelegenheit, um endlich seine guten Vorsätze in die Tat umzusetzen: Als Vater, Partner und Sohn möchte er ein besserer Mensch werden. Für seine vierjährige Tochter Tatiana (Ariana Neal), die ihn trotz eines zweijährigen Gefängnisaufenthalts noch immer vergöttert, für seine Freundin Sophina (Melonie Diaz), mit der er nicht immer ganz ehrlich war, und für seine Mutter (Octavia Spencer), die an diesem Silvestertag Geburtstag hat. Freunde, Familie und Fremde kreuzen seinen Weg, doch im Laufe des Tages muss Oscar feststellen, dass Schwierigkeiten und Herausforderungen nicht ausbleiben, wenn man sich selbst und sein Leben verändern will. Von seinem Plan, ein besserer Mensch zu werden, will er sich trotzdem nicht abbringen lassen. Aber soweit kommt es nicht: nach einer fröhlichen Silvesternacht in San Francisco gerät er auf seinem Rückweg im Zug in einen Streit. Vollkommen unerwartet wird er von einem weißen Polizisten erschossen – in der U-Bahn-Station Fruitvale.

Mit “Nächster Halt: Fruitvale Station” überrascht Ryan Coogler, der nicht nur auf dem Regiestuhl platznahm, sondern auch das Drehbuch schrieb, gleich auf mehreren Ebenen. Schon bei der Wahl des Hauptakteurs Michael B. Jordan, der mit seinen 27 Jahren perfekt auf die Rolle des nur fünf Jahre jüngeren, realen Vorbilds passt, beweist der Filmemacher Mut. Mit Jordan greift er auf einen Darsteller zurück, dessen Image des Teenie-Schwarms in der Vergangenheit durch Filme wie “Chronicle”, “Red Tails” und “Für immer Single?” unterstrichen wurde. In “Fruitvale Station” schlüpft der Schauspieler nicht nur in eine Figur gänzlich anderer Ausrichtung, sondern verkörpert die dabei auch derart glaubhaft, dass es ihm gelingt, die 85 Filmminuten in Gänze allein zu tragen. Ganz gleich ob Oscar Grant in der Realität tatsächlich ein derartiger Sympathling war, oder ob einige kritische Stimmen Recht behalten und Skript sowie Film dessen Lebensstil beschönigen: Michael B. Jordans nuancierte Spielweise verleiht seiner Figur eine ungeheure Intensität, die das Publikum nach und nach mit einer facettenreichen, ungeheuer interessanten Figur konfrontiert. Im Laufe der Zeit lernt der Zuschauer die Liebenswürdigkeit, aber auch die Schattenseiten Oscar Grants kennen und fühlt sich so schneller als erwartet wie ein enger Vertrauter.

Melonie Diaz spielt die Freundin von Oscar.

Melonie Diaz spielt die Freundin von Oscar.

Ohne Effekthascherei, intensiv erzählt

Zu einer solch intimen Sichtweise trägt vor allem die reduzierte Inszenierung bei. Technische Spielereien hat “Nächster Halt: Fruitvale Station” keine zu bieten. Ludwig Göransson, der bereits Filme wie “Wir sind die Millers” und Serien wie “Community” musikalisch ausstattete, kreiert hier einen solch zurückhaltenden Score, dass er bei all den vielen, emotionalen Eindrücken nahezu untergeht. Passend dazu dreht die so gut wie unbekannte Kamerafrau Rachel Morrison ihren Film fast durchgehend mit der Handkamera. Hochglanzaufnahmen oder ein typischer Hollywoodlook hätten “Nächster Halt: Fruitvale Station” niemals derart gut getan, wie es die unverfälschten, fast dokumentarischen Aufnahmen von Morrison tun. Sogar die obligatorisch gewordenen Aufnahmen von Stadt und Umgebung sind hier keine Lückenfüller, sondern dienen als bewusst gewählte Impressionen der Lebensumstände des Protagonisten. Mit ihrer Kamera stets ganz nah am Geschehen gerät der Einblick in Oscar Grants Leben so nahe und lebensecht, dass einen das Finale umso härter erwischt – auch wenn das Publikum durch Handybilder schon vor dem Vorspann über den Ausgang der Geschichte informiert wird.

Gerade dieser inszenatorische Kniff beraubt “Nächster Halt: Fruitvale Station” jedoch auch um ein klein wenig Spannung. Obgleich die Macher die Kenntnis um die Hintergründe und Konsequezen der Geschichte augenscheinlich voraussetzen, hätte es dem Suspenseaufbau gut getan, auf das sehr frühe Verraten des Story-Ausgangs zu verzichten. So könnte sich ein Teil der Zuschauerschaft möglicherweise um eine Art Überraschungseffekt beraubt fühlen. Trotzdem manövriert Ryan Coogler seinen Cast so stilsicher durch die Geschichte, kehrt die einzelnen Charakterzüge so treffend heraus und setzt solch punktgenaue Plot-Akzente, dass der Schlussakt zu einem ungemein nahegehenden Kinoerlebnis gerät. Ganz so, als hätte man gerade von dem Verlust einer einem persönlich nahestehenden Person erfahren. Zusammen mit der absolut perfekt auf den Punkt gewählten Schwarzblende wirkt die Story auch noch Tage später nach.

"Nächster Halt: Fruitvale Station": Der Sundance-Filmfestival-Gewinner ab dem 1. Mai im Kino

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Neben Michael B. Jordon agiert der übersichtliche Cast ebenso berührend. Allen voran Melonie Diaz (“Save the Date”) durchläuft innerhalb der eineinhalb Stunden einen glaubhaften Wandel. Verurteilt sie ihren Lebenspartner zu Beginn noch für dessen Abdriften auf die schiefe Bahn, honoriert sie schließlich dessen Bemühungen darum, ein besserer Mensch zu werden. Das alles innerhalb eines auf knapp neunzig Filmminuten herunter gekürzten Tages glaubhaft darzustellen, ist beachtlich. Nachwuchsaktrice Ariana Neal (“Repentance”) komplettiert das junge Familienglück, während Octavia Spencer (“The Help”) als besorgte Mutter für einige der ausdrucksstärksten Szenerien verantwortlich ist. Wenn Spencer herzzerreißend um ihren toten Sohn weint, kommt man kaum mehr drum herum, nicht auch die eine oder andere Träne zu vergießen.

Fazit

“Nächster Halt: Fruitvale Station” ist trotz oder gerade wegen seines für viele bekannten Ausgangs das äußerst aufwühlende Portrait eines jungen Mannes, der dem Publikum entgegen der zweifelhaften Vergangenheit unweigerlich ans Herz wächst. Überragend gespielt wirft das Drama einen der intimsten Blicke der Filmgeschichte auf das Thema Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass – warum die Academy das nicht für auszeichnungswürdig hielt, wird wohl ein Rätsel bleiben.

  • admin
  • 3. Mai 2014
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  • 30-10-2014
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Heimkino-Tipp: „Spuren“

Basierend auf einer ebenso faszinierenden wie wahren Geschichte und vor dem Hintergrund der atemberaubenden Landschaft Australiens erzählt "Spuren" vom Mut und der Abenteuerlust einer Frau, die in die Einsamkeit aufbrach – und in einem neuen Leben ankam. Vier Kamele, ein Hund und die Wildnis 1975 kommt die junge Robyn Davidson (Mia Wasikowska) mit einem scheinbar verrückten Traum nach Alice Springs: Sie will zu Fuß die australische Wüste bis zum Indischen Ozean durchqueren – 2.700 Kilometer durch eine lebensfeindliche Wildnis, begleitet nur von vier störrischen Kamelen und ihrem geliebten Hund. Ihre Freunde und Eltern können Robyn ebenso wenig zurückhalten wie die vielen Widrigkeiten, die mit ihrem Plan verbunden sind. Als sie nach langer Vorbereitung plötzlich mit leeren Händen dasteht, macht Robyn einen Deal mit dem Fotografen Rick Smolan (Adam Driver): Er finanziert ihre Reise und darf sie dafür gelegentlich für ein Magazin fotografieren. Fern der Zivilisation erkennt Robyn langsam, was sie wirklich zum Glücklichsein braucht. Doch nicht nur die Fototermine mit Smolan stören ihr neu gewonnenes Gleichgewicht. Je länger die Reise dauert, desto öfter gerät Robyn in lebensgefährliche Situationen. Sie suchte die Einsamkeit - und wurde weltberühmt. Mit ihrem Buch "Spuren" über ihre einzigartige Reise durch die Wüste ihrer Heimat, begeisterte und inspirierte die Australierin Robyn Davidson Millionen von Lesern. Nun endlich kommt diese auch heute noch bemerkenswerte emotionale und körperliche Grenzerfahrung auf die Leinwand. Shooting Star Mia Wasikowska ("Alice im Wunderland") verkörpert dabei die Entschlossenheit und Verletzbarkeit Davidsons auf unvergleichliche Weise. Unterstützung bekommt sie dabei von Adam Driver ("Inside Llewyn Davis"), einem der derzeit angesagtesten Jungdarsteller Hollywoods. Bildgewaltig und episch - Faszination pur! Mia Wasikowska war in den vergangenen Jahren schon in ganz unterschiedlichen Rollen zu sehen. Zu den bekanntesten gehört wohl vorzugsweise die der jungen Alice im modernen Disney-Märchen "Alice im Wunderland". In der knalligen 3D-Verfilmung mimte sie verspielt die unkonventionelle Heldin. Dass ihr auch eine gänzlich entgegengesetzte Figur gut zu Gesicht stehen würde, bewies sie schon kurz darauf in der düsteren Hitchcock-Hommage "Stoker". Nun kommt ihr mit "Spuren" eine weitere Hauptrolle zu, die in ihrer schauspielerischen Bandbreite noch eindringlicher und vor der imposanten Kulisse Australiens noch imposanter daherkommt. Wasikowska füllt die wahre Lebensgeschichte der Weltenbummlerin Robyn Davidson mit einnehmender Intensität und beweist eine Kraft, die im kompletten Gegensatz zu ihrem zierlichen Erscheinungsbild steht. Doch Regisseur John Curran ("Der bunte Schleier") beweist nicht nur ein Fingerspitzengefühl für seine übersichtliche Besetzung, sondern auch für die In-Szene-Setzung des stringenten Drehbuchs. Der debütierende Autor Marion Nelson adaptiert die Memoiren Davidsons geschickt für die Leinwand, indem er sich auf die pure Ausdruckskraft der Natur konzentriert. Es braucht nicht viele Worte, geschweige denn Szenenwechsel oder Kulissen, um die charakterliche Reifung der Protagonistin zu verdeutlichen. Minimalistisch verzichtet Nelson darauf, jeden Charakter zu sezieren. Stattdessen baut er auf Momentaufnahmen, die, eingefangen von Kamerafrau Mandy Walker, die passenderweise auch schon "Australia" mit Bildern bestückte, viel mehr aussagen, als etwaige Dialoge. Das gestaltet sich für ein ungeduldiges Publikum in manchen Momenten anstrengend. Für Cineasten und Fans von ganz fein gezeichnetem Kinostoff ist "Spuren" jedoch genau das Richtige!

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  • 27-10-2014
  • Kino

Gewinnspiel: Mauern der Gewalt

Zum Heimkinostarts des weltweiten Kritikerlieblings "Mauern der Gewalt" verlost IOFP tolle Preise. Schnell die Quizfrage beantworten und einen der tollen Preise absahnen! „Starred up“ nennt man es in England, wenn ein Minderjähriger vorzeitig vom Jugendknast ins Erwachsenen-Gefängnis verlegt wird. So ein „Aufsteiger“ ist Eric. Der 19jährige ist hochaggressiv, eine tickende Zeitbombe. Er kennt die Tricks, weiß wie man aus Alltagsgegenständen Waffen baut und wo man sie versteckt. Seine explosiven Gewaltausbrüche gegen Wärter und Gefangene stören immer wieder die geregelten Abläufe. Und damit kommt er dem führenden Knastdealer in die Quere, der um sein Geschäft fürchten muss. Denn gute Deals klappen nur, wenn Frieden herrscht im Flügel. Eric kapiert die Zusammenhänge noch nicht, aber einer weiß genau, wie der Hase hier drin läuft: Nev, Häftling, Alphamann – und Erics Vater… Eine brutale Knast-Story, randvoll mit Wut und Gewalt, liefert Regisseur David Mackenzie hier ab. Kino, das unter die Haut geht, und eine tour de force für die Darsteller, allen voran der junge Jack O'Connell! Ein so kraftvoll physisches Drama kommt selten auf die Leinwand. Worte spielen in dieser düsteren Machowelt kaum eine Rolle. Hier ist alles körperlich, die Wut, die Angst, der Hass und die Enttäuschung. Dafür braucht man Schauspieler, die diese physische Intensität geradezu ausschwitzen. Und so einer ist O'Connell. Wenn er sich mit mehreren Wärtern gleichzeitig anlegt oder wie eine Bombe unter seinen Mithäftlingen explodiert, gehört ihm ganz allein die Leinwand. Kein Wunder, dass die Presse die Geburt eines Stars bejubelt. Dass "Mauern der Gwalt" so ein authentisches Knastdrama geworden ist, verdankt es neben seinen exzellenten Darstellern seinem Autor. Jonathan Asser kennt sich aus in dieser engen Welt hinter Gittern, war er doch selbst als Aggressionstherapeut dort tätig. Mit wenigen Worten entwirft er ein Drama, das ebenso spannend wie packend ist. Hier treffen keine Superhelden in choreographierten Fights aufeinander, sondern echte Menschen, die Regisseur Mackenzie in eindringlichen Bildern einfängt. Wir verlosen je eine zwei DVDs und zwei Blu-rays zum Film! Ihr wollt Euch "Mauern der Gewalt" auf gar keinen Fall entgehen lassen? Dann schnell folgende Frage beantwortet und die Lösung mit dem Betreff "Mauern" an win@iofp.de geschickt. Schreibt außerdem in die Mail, ob Ihr im Falle eines Gewinns die DVD oder Blu-ray bevorzugt. Viel Glück!. Wer führte Regie bei "Mauern der Gewalt"? Teilnahmebedingungen: Der Einsendeschluss ist der 09.11.2014 23:59 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Pro Teilnehmer ist nur eine Mail / Einsendung gestattet. Mitarbeiter von iofp/ingame sind von der Teilnahme ausgeschlossen.

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  • 21-09-2014
  • Reviews & Meinungen

Filmkritik: „Sieben verdammt lange Tage“

Innerfamiliäre Konflikte sind gern genommene Szenerien für tragikomische Filme, in denen Generationen, Moralvorstellungen und Lebenspläne aufeinander prallen. Auch Shawn Levys Versuch, einmal abseits des Hollywood-Blockbusters zu überzeugen, verlässt sich auf diese erfolgversprechende Situation. In "Sieben verdammt lange Tage" muss eine Großfamilie von Jetzt auf Gleich eine Woche lang miteinander auskommen. Wie unterhaltsam das ist, verrät IOFP. Familientreffen mit Hindernissen Anfang des Jahres begeisterte ein beeindruckend gecastetes Star-Ensemble um Meryl Streep, Julia Roberts, Benedict Cumberbatch und Ewan McGregor in der Leinwandadaption des Theaterstücks „Im August in Osage County“ als sich mehr hassende denn liebende Großfamilie, die sich im Rahmen des Todes des männlichen Oberhaupts im Haus der Witwe trifft, um dort eine gemeinsame Zeit zu verbringen. Im Rausch von Trauer und Selbsthass fördert diese gemeinsame Zeit allerhand Kellerleichen zutage. Doch gleichzeitig erweist sich ein solches, fast alltägliches Szenario als ungemein unterhaltsame Szenerie, die den Zuschauer mit seinen eigenen Ängsten, Sorgen und eventuellen Familienproblemen konfrontiert. Wo sich John Wells auf ein bitterböses Drama mit nur leicht komödiantischem Einschlag konzentrierte, versucht sich der eher auf Blockbuster spezialisierte Kanadier Shawn Levy („Nachts im Museum 1 und 2“) an einer wesentlich optimistischeren und leichtfüßigeren Variante der nahezu identischen Situation. Auch in seiner tragikomischen Familienfehde „Sieben verdammt lange Tage“ lädt die von Jane Fonda grandios verkörperte Witwe ihre Zöglinge zum gemeinsamen Umtrunk, lässt diese jedoch auf Wunsch des Verstorbenen eine ganze Woche bei sich zuhause auflaufen, um das verloren gegangene Zusammengehörigkeitsgefühl wieder aufleben zu lassen. Was wie der wenig inspirierte Versuch klingt, „Im August in Osage County“ auch der breiten Masse zugänglich machen zu wollen, erweist sich als unterhaltsame Variation eines Themas, das seit jeher ein ungeheuer unterhaltsames Charisma versprüht. So lassen sich beide Filme vielleicht aufgrund der angerissenen Thematik vergleichen, den Status des Nachahmers muss Levy angesichts seiner kreativen Variation jedoch lange nicht fürchten. Vier erwachsene Geschwister treffen sich in ihrem Elternhaus wieder, um ihren Vater zu beerdigen. Jedes ist im eigenen Leben mehr oder minder gescheitert, und jetzt müssen sie zusammen eine ganze Woche unter einem Dach verbringen – in Gesellschaft ihrer gluckenhaften Mutter, etlicher Ehe-, Ex- und Wunschpartner. Niemand kann sich hier verstecken – im Gegenteil: Es ist Zeit, die Vergangenheit und die problematischen Verwandtschaftsbeziehungen aufzuarbeiten. In diesem ebenso irrwitzigen wie emotional ergreifenden Chaos kommt endlich wieder zusammen, was zusammengehört: Solche zu Herzen gehenden, komischen und versöhnlichen Situationen können nur im Familienkreis entstehen – was letztlich selbst uns Zuschauer an den Rand des Wahnsinns treibt. Denn in der Wahrhaftigkeit all dieser Schwächen und Stärken erkennen wir auch uns selbst wieder. Ein Starcast rückt sich auf den Pelz Um noch kurz bei dem Vergleich beider Filme zu bleiben, muss wie schon bei „Im August in Osage County“ auch bei „Sieben verdammt lange Tage“ der erste Blick auf den perfekt harmonierenden Cast gelegt werden. Angeführt von Jane Fonda („The Newsroom“), da hier mehr oder weniger die Rolle einnimmt, die in „Osage“ Meryl Streep innehatte, gehören Jason Bateman („Disconnect“), Tina Fey („Muppets Most Wanted“), Rose Byrne („Bad Neighbors“) und Connie Britton („American Horror Story“) zu den bekanntesten Namen des Ensembles. Doch auch Adam Driver („Inside Llewyn Davis“), Corey Stoll („Non-Stop“), Kathryn Hahn („Das erstaunliche Leben des Walter Mitty”) und Timothy Olyphant („Justified“) integrieren sich mit ihren persönlichen Stärken und Schwächen perfekt ins Familientreffen. Dabei gelingt es dem Drehbuchautor Jonathan Tropper, der mit „Sieben verdammt lange Tage“ seine erste Arbeit an einem Langspielfilm ablegt, gekonnt, mit kleinen Gesten die Eigenheiten dieses großen, anfangs etwas unübersichtlichen Ensembles herauszuarbeiten. Dies ist keine Selbstverständlichkeit: „This Is Were I Leave You“, wie der Streifen im Original heißt, funktioniert überwiegend durch Dialoge und entwickelt mit seinem fast ausschließlichen Aufenthalt im Haus der Familie Altman nach und nach die Atmosphäre eines Kammerspiels. Obgleich jeder innerhalb der Familie sein eigenes Päckchen zu tragen hat – in der ersten Szene erwischt Batemans Figur Judd seine Ehefrau Quinn (Abigail Spencer) beim Fremdgehen, seine Schwägerin, herrlich hysterisch gespielt von Kathryn Hahn, versucht sich seit Monaten daran, mit ihrem Mann schwanger zu werden und sein jüdischer Bruder Philip (beweist ein Händchen für komödiantisches Timing: Adam Driver) leidet noch immer unter den Hänseleien seiner Brüder – gehen all diese einzelnen Konfliktherde in der Masse an angerissenen Thematiken nahezu unter. Einzig Jason Bateman, der einmal mehr hervorragend in der Rolle des bodenständigen Realisten von nebenan funktioniert, wird eine etwas tiefer gehende Analyse der Ereignisse gegönnt; Die Schicksale seiner Geschwister werden dagegen nur am Rande thematisiert. Das ist vor allem deshalb schade, weil Jonathan Tropper trotz der genauen Beobachtungsgabe für menschliche Eigenheiten lediglich zwei oder drei Charaktere aus der Erzählung hätte streichen müssen, um die Story zu straffen und so für mehr Übersicht zu sorgen. So kristallisiert sich alsbald heraus, welche Figuren dem Autor besonders am Herzen liegen und welche er den anderen zuliebe eher vernachlässigt. Mit der psychoanalytischen Tiefe, mit der „Im August in Osage County“ daherkam, kann „Sieben verdammt lange Tage“ entsprechend nicht mithalten. Schlimm ist das jedoch noch lange nicht. Während das Oscar-nominierte Drama Anfang des Jahres mit geschliffenen und vor allem ehrlichen Dialogen begeisterte, vermisste manch einer so etwas wie eine optimistische Weltsicht. Damit kann nun Shawn Levys Blick auf Familienstreitigkeiten auftrumpfen. Wo andere dem Film Oberflächlichkeit unterstellen mögen, wird sich manch anderer daran erfreuen, dass „Sieben verdammt lange Tage“ stets bestrebt ist, seine Figuren nicht dem tragischen Schicksal zu überlassen. Ohne mit taschenpsychologischen Weisheite so ernste Themen wie ungewollte Schwangerschaften abzuarbeiten, gibt sich Levy Mühe, derartigen Problempunkten die Zeit zu widmen, die sie benötigen, anschließend jedoch eine Lösung zu liefern. Dadurch entwickelt der Streifen eine mitreißende Dynamik und gefällt mit Optimismus und Schwung, beraubt sich dadurch jedoch selbstredend sämtlicher, etwaiger Oscar-Chancen.  Auch die technische Gestaltung spricht dahingehend Bände. Nicht uninspiriert, dafür überdeutlich dem Massengeschmack angepasst, kommt „Sieben verdammt lange Tage“ in einem Hollywoodfilm-typischen Hochglanzlook daher, der eindeutig die Handschrift von Terry Stacey trägt; nicht umsonst hat dieser schon mehrmals mit Vorzeigeromantiker Nicolas Sparks zusammengearbeitet. Dafür weißt besonders der Verzicht auf stereotype Radiosongs zu gefallen. Obwohl „Sieben verdammt lange Tage“ an vielen Stellen immer wieder dazu einlädt, verlässt sich Michael Giacchino („Star Trek into Darkness“) ganz auf einen verspielten, Piano-lastigen Score mit Wiedererkennungswert. Fazit „Sieben verdammt lange Tage“ gefällt als massentauglichere Variante des großartigen Dramas „Im August in Osage County“ und kommt zwar nicht mit solch einer emotionalen Durchschlagskraft daher, wie die Oscar-nominierte Theaterstückadaption, hat jedoch eine angenehmere Weltsicht und gefällt durch Optimismus und Sympathie.

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  • 30-10-2014
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Gewinnspiel: „Irre sind männlich“

Zum Heimkinostarts der herzlichen Komödie "Irre sind männlich" verlost IOFP tolle Preise. Schnell die Quizfrage beantworten und einen der tollen Preise absahnen! Als Daniel (Fahri Yardim) wegen seiner krankhaften Eifersucht von Mia (Josefine Preuß) verlassen wird, legt sie ihm eine Therapie nahe. Sein bester Freund Thomas(Milan Peschel) nimmt aus Solidarität mit ihm an einer Familienaufstellung teil und entdeckt dabei einen willkommenen Nebeneffekt: Mit falschem Namen und erfundenen Problemen lassen sich von den beiden Therapietouristen reihenweise Frauen abschleppen. Auf einem Wochenendworkshop der Psycho-Koryphäe Schorsch Trautmann (Herbert Knaup) kommt die therapiesüchtige Anwältin Sylvie (Marie Bäumer) den beiden auf die Schliche. Von nun an werden die Sitzungen zur postkoitalen Belastungsprobe und das erklärte Ziel, die bekannte Schauspielerin Bernadette (Peri Baumeister) flach zu legen, rückt immer mehr in weite Ferne. IOFP.de zog zum Heimkinostart von „Irre sind männlich“ das Fazit, dass der Streifen gekonnt mit den Konventionen der Durchschnitts-RomCom zu kokettieren weiß. Zusammen mit den Darstellern ergibt sich so das Bild einer deutschen Komödie, wie es sie nur alle Jubeljahre mal zu sehen gibt. Damit sich unsere Leser selbst davon überzeugen können...  ... verlosen wir zweimal die DVD zum Film! Ihr wollt Euch "Irre sind männlich" auf gar keinen Fall entgehen lassen? Dann schnell folgende Frage beantwortet und die Lösung mit dem Betreff "Mauern" an win@iofp.de geschickt. Wer führte Regie bei "Irre sind männlich"? Teilnahmebedingungen: Der Einsendeschluss ist der 06.11.2014 23:59 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Pro Teilnehmer ist nur eine Mail / Einsendung gestattet. Mitarbeiter von iofp/ingame sind von der Teilnahme ausgeschlossen.

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  • 27-10-2014
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