• 01-04-2014
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Review: „The Walking Dead“ 4×16 (Spoiler!)

Das Finale "Terminus" der vierten Staffel von "The Walking Dead" zeigt dem Zuschauer vor allem Rick und Cos. Weg und Ankunft zum Terminus und dass die Erlösung wohl noch in weiter Ferne liegt. Die Handlung Die erwartete Konfrontation lässt nicht lange auf sich warten: Rick, Carl und Michonne treffen auf Joe und Konsorten. Daryl versucht, seine ehemalige Gruppe zu beschützen, doch Joe ist erbarmungslos auf Rache aus und so wird auch Daryl Opfer von Prügeln. Rick schafft es aber, sich loszureißen und in Zusammenarbeit mit Michonne und Daryl die Einbrecher-Truppe zu töten. Gemeinsam erreichen Rick, Michonne, Carl  und Daryl schließlich Terminus - doch dort erwartet sie nichts Gutes. Sie landen Gefangen in einem Container mit den übrigen Hauptfiguren, die bereits letzte Woche im Terminus ankamen. Wozu ist ein Mensch fähig? Das zentrale Thema im Staffelfinale ist Humanität bzw. das Fehlen von Menschlichkeit. Rick ist seit Beginn an die Hauptperson und 'der gute Cop', doch entwickelte er irgendwann eine weniger nette Ader, aufgrund der apokalyptischen Umstände. In der Zeit im Gefängnis fand er wieder zu seiner guten Seite zurück, aber jetzt entfernt er sich wieder von der Menschlichkeit. Joes Gruppe war ihrerseits ein Aushängeschild für Unmenschlichkeit: Als Joe auf Rick traf, drohte er ihm mit den abscheulichsten Dingen - Daryl zu Tode zu prügeln und Carl und Michonne umzubringen, während Rick zusieht. Außerdem wird Carl durchgehend von einem abstoßenden Anhänger von Joe belästigt und angefasst. Dadurch brennt bei Rick eine Sicherung durch und anstatt Joe und Carls Belästiger zu erschießen, wählt er andere Formen der Tötung: Er beißt Joe in die Halsschlagader und sticht gefühlte hundert Mal auf Joes Kameraden ein, bis er endlich tot ist. Das bringt eine besonders animalische Seite von Rick zum Vorschein. Daryl versucht Rick und seine Handlungen zu rechtfertigen indem er sagt, dass jeder so reagiert hätte. Doch Rick kennt sich selbst am besten und gibt zu, seine Menschlichkeit ein Stück weit verloren zu haben. Er geht sogar soweit zu sagen, dass auch wenn er kein gänzlich böser Mensch ist, diese inhumane Seite von ihm, die seine Gruppe und der Zuschauer kennengelernt hat, sein wahres Ich ist. Innerhalb der Folge kommen immer wieder kleine Details vor, die die Humanität negieren. Am deutlichsten wird es, als Rick und Co. im Wald Hilferufe hören und Carl instinktiv in die Richtung der Schreie rennt - Rick versucht ihn von vorn herein davon abzuhalten. Bei den Hilferufen angekommen, wird schnell deutlich, dass sie dem Menschen bei der hohen Anzahl von Zombies nicht mehr hätten helfen können. Doch Rick hätte die Rufe einfach ignoriert, ohne überhaupt nachzuschauen, da für ihn nur die Sicherheit seiner Gruppe wichtig ist. Und auf dem Terminus-Gelände sind während Rick und Cos. Flucht vor dem Schussfeuer Hilferufe aus Containern zu hören. Ob diese aufgrund von Desinteresse seitens Rick ignoriert werden oder weil sie in ihrer brenzlichen Situation keine Zeit haben ihnen nachzugehen, sei dahingestellt. Auch Carl hat Probleme mit den drastischen Handlungen seines Vaters. Er hat sogar Angst vor ihm und ist wohl auch um seine eigene Seele besorgt, da er sich selbst als Monster bezeichnet. Michonne belehrt ihn eines Besseren und erzählt ihm, wie ihr Sohn umgekommen ist: Das Lager in dem Michonne, ihr Mann Mike und Freund Terry mit Sohn Andre lebten wurde von Zombies überrannt, als Michonne auf Essenssuche war. Mike und Terry waren high und wurden gebissen. Michonne ließ die Verwandlung der beiden zu und machte sie zu ihren arm- und kieferlosen Begleitern. Michonne war nach eigenen Aussagen lange Zeit ein Monster, bis Andrea, Rick und die restliche Gruppe sie aus der 'Dunkelheit' herausholten. Damit macht sie deutlich, dass die Apokalypse und die schrecklichen Dinge, die mit ihr einhergehen, den Menschen leicht zum Monster machen können, doch der Mensch vor allem aufgrund der Mitmenschen zu sich zurück finden kann. Das ist eine schöne aber auch überraschende Aussage von Michonne. Da andere, fremde Menschen in "The Walking Dead" vordergründig immer eine Bedrohung waren, meist viel gefährlich als Zombies. Aber wie kann man seine Menschlichkeit anders behalten, wenn nicht durch den Umgang mit anderen Menschen? Die Zuschauer haben sich schon lange gedacht, dass die ersten zwei Zombie-Begleiter von Michonne nicht bloß irgendjemand waren. Gerade nach der Traumsequenz von Michonne kam wieder der Verdacht auf, dass zumindest ihr Partner einer ihrer Zombie-Gefährten ist. Es ist eine Art Erleichterung nach zwei Staffeln die Bestätigung zu bekommen, dass Michonne ihre Zombies nicht willkürlich auswählte. Das Fazit findet Ihr auf der nächsten Seite!

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  • 01-04-2014
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Filmkritik: „Rio 2 – Dschungelfieber“

Heutzutage werden erfolgreiche Animationsfilme meist nur mit dem Blick auf die Zuschauerzahlen fortgesetzt. So erging es auch "Rio", der mit "Rio 2 - Dschungelfieber" nun in die nächste Runde geht. Ob dies eine gute Idee seitens der Blue Sky Studios war, verrät IOFP. Mit rund 1,8 Millionen Zuschauern ist „Rio“ nach der „Ice Age“-Reihe hierzulande der erfolgreichste Animationsfilm der Blue Sky Studios, denen unter anderem auch „Horten hört ein Hu“ und „Epic – Verborgenes Königreich“ entstammen. Der Papagei Blu kam nicht nur bei den Zuschauern gut an, sondern überzeugte auch einen Großteil der Kritiker. Der Durchschnittswert auf dem Internetportal „Rotten Tomatoes“, der als wichtiger Indikator für die Filmqualität gilt, liegt auch 2014, drei Jahre nach dem Erscheinen von „Rio“ bei 72%. So war eine Fortsetzung der Geschichte rund um den gefiederten Gesellen schnell beschlossene Sache;  Im Zeitalter der Remakes, Sequels und Co. eine Selbstverständlichkeit. Auf dem Regiestuhl nahm auch bei der kunterbunten Fortsetzung, die den vielsagenden Titel „Rio 2 – Dschungelfieber“ trägt, Carlos Saldanha Platz, der außer am ersten Teil von „Rio“ auch als (Co-)Regisseur an mehreren „Ice Age“-Teilen mitwirkte. Mit der Idee, seine geflügelten Freunde in den Amazonas-Regenwald zu schicken, tut er nicht nur seinen Hauptfiguren sondern auch dem Publikum einen Gefallen: „Dschungelfieber“ sieht nicht nur wesentlich besser aus als sein Vorgänger, sondern kommt zudem musikalisch stimmiger und humorvoller daher. Auf in den Dschungel! Blu, Jewel und ihre drei Kinder verlassen die magische Großstadt Rio, um auf eine Spurensuche nach ihren Vorfahren in die Wildnis des Amazonas aufzubrechen. Blu wird aus seiner vertrauten Umgebung herausgerissen und ist plötzlich in einem Land, das er nicht kennt. Während er versucht, Nigel zu entgehen, der nach der Ereignissen in Rio einen hinterhältigen Racheplan schmiedet und dafür mit der hochgefährlichen Pfeilgiftfroschdame Gaby und einem stummen Ameisenbären in Richtung Amazonas aufbricht, müssen sich die seltenen Papageien noch mit ganz anderen Bösewichten herumschlagen: Der Mensch hat es auf ihren Lebensraum abgesehen und droht, das Tropenparadies für immer zu zerstören. Wie gut, dass Blus Freundin Linda und ihr Lebenspartner Túlio mit Leib und Seele Vogelschützer sind. Der Filmtitel „Rio 2 – Dschungelfieber“ ist eigentlich eine Irreführung. Im Gegensatz zum ersten Teil spielt die Fortsetzung lediglich in der beeindruckenden Sylvester-Eröffnungsszene in der brasilianischen Hauptstadt. Das Hauptaugenmerk liegt definitiv auf dem tropischen Dschungel, dessen Animationsniveau qualitativ zum Besten gehört, was die Blue Sky Studios bislang hervorbrachten. Den Detailreichtum einer Pixar-Produktion erreicht zwar auch „Dschungelfieber“ nicht, doch wo „Epic – Verborgenes Königreich“ lediglich erahnen ließ, wozu die Animationsschmiede fähig ist, spielen die verantwortlichen Animatoren nun endlich all ihre Trümpfe aus. Die Pflanzenvielfalt ist enorm. Allein die vielen, verschiedenen Grüntöne sowie das Design der Dschungelflora sind von einer beeindruckenden Bandbreite. Vor allem in allen drei Dimensionen kommt dieser visuelle Rausch besonders zur Geltung und rechtfertigt ohne Weiteres den 3D-Zuschlag an der Kinokasse. Dass das Design der Zweibeiner – wie schon in Teil eins – minimalistischer und damit weniger gelungen ist, ist zu verschmerzen. Immerhin lassen sich ebenjene Szenerien, in denen Menschen vorkommen, an einer Hand abzählen. Blau, blau, blau sind alle meine Vögel... Dem gegenüber stehen die geflügelten Stars aus „Rio 2 – Dschungelfieber“, vornehmlich Blaupapageien. Diese sehen zwar alle irgendwie aus wie Blu, haben dabei dennoch ihre ganz eigenen Angewohnheiten und sind somit leicht voneinander zu unterscheiden. Dass dies gelingt, verdankt der Streifen vornehmlich den Figurenzeichnungen, die im Falle der meisten Charaktere gelungen sind. So sind die auch in Teil zwei im Mittelpunkt stehenden Rio und Jewel ein Protagonistenpärchen, mit dem sich sympathisieren lässt. Blu als Tollpatsch und Jewel als bodenständiger Gegenpol ergänzen sich, ohne dabei besonders tiefgründig gezeichnet zu sein. Für einen Film wie „Rio 2“ reicht dies vollkommen, besinnt man sich auf das vornehmlich angesprochene, sehr junge Zielpublikum. Die drei kleinen Vogelkinder erhalten lediglich eine oberflächliche Beschreibung, dennoch gestehen die Macher jedem seine Eigenheiten zu. Natürlich darf auch der typische Macho und ehemaliger Schwarm Jewels nicht fehlen, mit dem sich Blu alsbald ein, zugegeben recht klischeebeladenes, Kräftemessen liefert. Jewels Vater gibt das aus Komödien bekannte Bild eines kritischen Schwiegervaters ab und ist vor allem aufgrund seiner Synchronisation durch Walter von Hauff amüsant, wenn dieser seinen Schwiegersohn mal mehr, mal weniger augenzwinkernd auf die Probe stellt. Während sich die recht übersichtlichen Charakterzeichnungen kaum auf das Sehvergnügen auswirken, weist das Skript im Bereich der Story einige Schwächen auf. Mit seinen insgesamt drei Antagonisten ist „Rio 2 – Dschungelfieber“ ein wenig zu gut bestückt. So ist der Erzählstrang rund um die drohende Waldrodung aufgrund seiner ökologischen Message und den realistischen Ausmaßen eindeutig der, auf den sich am wenigsten verzichten lässt. Wohingegen der Kakadu und sein kurioses Mord-Kommando lediglich als Urheber einiger gelungener Gags dienen. Ein dritter Nebenplot um einen Streit zwischen den Blaupapageien und den rot-weißen Aras dient einzig dazu, um „Rio 2“ um eine aus Plotsicht belanglose Fußball-Szene zu erweitern. In einem Jahr, in dem die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien stattfindet, sicher ein notwendiges Übel. Und doch hätten Carlos Saldanha und sein Heer an Drehbuchautoren diese Szene auch anders unterbringen können. Da sämtliche Nebenstränge zudem eher eine Alibiauflösung erfahren, hätten sich die Macher erst recht lieber auf einen einzelnen konzentrieren und diesen mit mehr Herzblut ausarbeiten sollen. Culcha Candela, Roberto Blanco und Co. Überhaupt ist das mit dem Rhythmus in „Rio 2“ so eine Sache. Wenngleich der Film aus musikalischer Sicht gekonnt die Hüften kreisen lässt und Komponist John Powell („Happy Feet“) das Kino mehr als einmal in eine große Party verwandelt, deren dazugehörige Bilder in Sachen Farbenvielfalt kaum zu übertreffen sind, kommt die Geschichte aufgrund diverser Sketch-artiger Episoden öfter mal aus dem Takt. Die recht gemäßigt erzählte Story erhält von manch einer Plotidee immer wieder temporeichen Anschub. So ist ein im Dschungel abgehaltenes Musikcasting (deren Jury-Mitglieder treffenderweise von zwei Mitgliedern der Band Culcha Candela besetzt sind) ein starker Comedy-Höhepunkt des Films, der sich vom Arrangement her jedoch nicht flüssig in den Film integriert. Die Qualität der Synchronsprecher ist trotz eher wenig bekannter Namen hoch. Im Gegensatz zu manch anderem Sänger oder Schauspieler, der sich in diesem Bereich versucht, sind David Kross, Johanna Klum, Roberto Blanco und Co. toll aufgelegt und verhelfen „Rio 2 – Dschungelfieber“ zum Status eines ernst zunehmenden Kandidaten auf den Titel „erfolgreichster Animationsfilm 2014“. Das Highlight stellt Tommy Morgenstern als Anführer eine rebellischen Papageien-Truppe dar, der auch aus dem farbenprächtigsten Kameraden den fiesesten Bösewicht macht. Fazit „Rio 2 – Dschungelfieber“ ist ein kunterbunter Familienspaß, der sich in seinen vielen Story-Ansätzen ab und an verheddert und so nie zu hundert Prozent in Fahrt kommt. Spaß macht das Wiedersehen mit Blu, Jewel und Co. jedoch allemal. Vor allem der animierte Regenwald ist eine Augenweide – vorzugsweise in 3D!

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  • 31-03-2014
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DVD-Kritik: „The Counselor“

Zum DVD- und Blu-ray-Start von Ridley Scotts starbesetzten Thriller "The Counselor" am 2. April verrät IOFP.de, weshalb der Streifen wesentlich besser ist als sein Ruf und was falsche Erwartungen damit zu tun haben. Der Thriller: Laut Online-Enzyklopädie Wikipedia ein Filmgenre, das vom „Erzeugen eines Thrills“, „einer Spannung, die nicht nur in kurzen Passagen, sondern während des gesamten Handlungsverlaufs präsent ist“ und „einem beständigen Spiel zwischen Anspannung und Erleichterung“ lebt. Der Roman von Cormac McCarthy („No Country for Old Men“), der dem gleichnamigen Film „The Counselor” von “Prometheus”-Macher Ridley Scott als Basis dient, bietet vom Stoff her ideale Voraussetzungen für einen interessanten Film dieser Sparte. Genau ein solcher ist dieser auch geworden, macht sich die einzelnen Thriller-Merkmale jedoch auf andere Weise zunutze, als es übliche amerikanische Genrekost tut. Im Stile minimalistischer Romanverfilmungen wie David Cronenbergs „Cosmopolis“ bannt Scott eine tiefschwarze Weltanschauungs-Fantasie auf Zelluloid, kleidet sie in nihilistische Bilder vor exotischer Kulisse und lässt eine Handvoll Mimen aus Hollywoods A-Liga sich gegenseitig zerfleischen – wenn auch fast ausschließlich in Form hochstilisierter Dialoge, teilweise 1:1 aus dem Roman übernommen. Gier ist geil! Eigentlich hat der Counselor (Michael Fassbender) alles: Einen tollen Job, eine schöne Freundin und vor allem jede Menge Macht. Doch Gier ist geil! Er lässt sich auf illegale Geschäfte mit der Drogenmafia ein. Der superreiche Reiner (Javier Bardem) klärt den Counselor über die Gepflogenheiten innerhalb der Branche auf und gewährt ihm Einblicke in die Welt der Superreichen. So macht der Counselor Bekanntschaft mit dessen Freundin Malkina (Cameron Diaz) und dem kühlen Westray (Brad Pitt), der ihn mehr als einmal davor warnt, in die Drogenszene einzusteigen. Doch der Wille nach Geld und noch größerer Macht ist stärker und schon bald befindet sich der Counselor in einer Spirale aus Gewalt, Verrat und Mord. Denn schlussendlich ist ein Leben in diesem Business weniger wert als der Stoff, den die Jungs Tag für Tag über die Grenzen schmuggeln… Dass Kritiker und Zuschauer bei Namen wie Brad Pitt („World War Z“), Cameron Diaz („Gambit – Der Masterplan“), Penélope Cruz („Fliegende Liebende“), Javier Bardem („Skyfall“) und nicht zuletzt Michael Fassbender („12 Years a Slave“) automatisch einen potentiellen Hollywood-Blockbuster vor Augen haben, ist nicht verwerflich. Zumal mit Regisseur Ridley Scott ein Spezialist auf diesem Gebiet hinter den Kulissen die Strippen in der Hand hält. Entsprechend groß schien rasch die Ernüchterung, als ersichtlich wurde, dass sich „The Counselor“ nicht auf den klassischen Adrenalinkick verlässt, sondern vor allem auf den philosophischen Ansatz der Geschichte baut. Kein Wunder also, dass ein Großteil der übersichtlichen zwei Stunden aus anspruchsvollen Dialogen besteht, denen eine Bedeutung für die Handlung jedoch nicht abgeht. Dass es bisweilen anstrengend ist, die Geschichte im Gesamten zu verfolgen, ist dabei nicht von der Hand zu weisen. Dennoch erweist sich das große Ganze ziemlich schnell als symbolträchtige Milieustudie, die kaum auf brachiale Gewalt setzt. Vielmehr macht sich Scott die extravaganten Figuren zunutze und platziert in der glutheißen Wüste New Mexicos – einem Bild von Kulisse – einen zweiten Handlungsstrang in Form einer Satire auf das Leben der oberen Zehntausend. So entfaltet sich nach und nach der Zynismus beider Welten, die so lange nebeneinander her existieren, bis es eines Tages zum großen Knall kommt. Die teilweise kuriosen Figuren, die auf den ersten Blick wie bloße Abziehbilder belangloser Stereotypen wirken, sind bis in die Haarspitzen Karikaturen von Personen, die einem ungewöhnlichen Lebensstil frönen. Weit abseits der brutalen Geschäftswelt, in der sich der namenlos bleibende Counselor bewegt, genießen diese ihr exquisites Leben in vollen Zügen. So ergibt sich das Bild einer schwarz-weiß-gezeichneten Gesellschaft, in der die einen ums nackte Überleben kämpfen und die anderen gegen Bilder von Autos vögelnden Frauen in ihrem Kopf. So skurril besagte Szene auch wirkt, in welcher Cameron Diaz mit gespreizten Beinen auf der Windschutzscheibe eines Luxusautos hin- und herrutscht, so konsequent ist doch ihre Platzierung innerhalb der Handlung: Wenn Javier Bardem aufgewühlt von dem für ihn einschneidenden Erlebnis spricht, als schildere er gerade die Beobachtung eines Verbrechens, wird im Kontext zu vorausgegangenen Gesprächen deutlich: Hier haben sich die Prioritäten ins Abnormale verschoben. Denn als Bardem kurz vorher die Funktionalitäten und Vorzüge einer motorbetriebenen Eisenschlinge als Mordwerkzeug schildert, verzieht dieser keine Miene. Wenn Welten aufeinander prallen In „The Counselor“ funktioniert vor allem das Spiel mit Gegensätzen. Immer wieder scheinen sich die zwei Welten gegenseitig darin überbieten zu wollen, in welcher zu leben es verwerflicher ist. Dem Zuschauer bleibt eine Stellungnahme dazu kaum erspart – hat er mit dem charismatischen und von Michael Fassbender exzellent verkörperten Counselor doch eine Hauptfigur, die sich dieser Frage ebenfalls stellen muss. Ab und an, so scheint es, findet sich für ihn eine ethisch vertretbare Lösung, nur damit sich diese wenig später als weitere Sackgasse entpuppt. Wie etwa das selbstlose Freikaufen eines Mandanten, das weniger selbstlos denn vielmehr kopflos ist – und so schließlich auch für den Mandanten endet. So wird vor allem die temporeichere zweite Hälfte des Films zu einem Spießroutenlauf durch allerhand Konsequenzen: Sofern der Counselor an die falsche Stelle tritt, bekommt er sie unweigerlich zu spüren. Eine immerwährende Spannung ist somit garantiert, die Charakteristik des Thrillers erfüllt, wenngleich die Erleichterung nach der Anspannung nahezu ausbleibt und dadurch besonders bedrückend wirkt. Zwei Gewaltspitzen, die auf konsequente Zuspitzung und nicht auf Effekthascherei setzen, verleihen dem Streifen eine zusätzliche Durchschlagskraft. Die namhaften Darsteller passen dabei wie die Faust aufs Auge in ihre jeweiligen Rollen. Angefangen von Michael Fassbender, der zunächst mit seiner Kühnheit und anschließend mit einem Hauch von kühlem Charme um die Empathien des Publikums buhlt über Cameron „Femme Fatale 2013“ Diaz bis hin zu Javier Bardem, der sich in der Rolle des abgehobenen Dandys sichtlich genießt, sind auch die kleineren Rollen exzellent besetzt. Vor allem der leider recht kurz geratene Auftritt seitens Brad Pitt, der gen Ende für die eindringlichste und blutigste Szene des ganzen Films sorgt, weiß besonders zu gefallen – abgebrühter hat man den bald in „World War Z 2“ zu sehenden Hollywoodstar noch nie erlebt. Sogar die anfangs scheinbar blass bleibende Penélope Cruz als Fassbenders Bettgespielin findet innerhalb der zwei Stunden ihr Profil, ist ihre Rolle doch sichtlich als nahezu unsichtbar angelegt. Ein eindringlicherer Auftritt hätte der konsequenten Figurenzeichnung einen Knacks versetzt. Technisch spielt „The Counselor“ durchaus in der Blockbuster-Liga. Die berauschende Bildästhetik, die mit schmucken Details in Form eleganter Raubkatzen oder edlen Kulissen wie einem Polo-Turnier aufwarten kann, sorgt immer wieder für eine fiebrige Atmosphäre, wie es sie bereits in Filmen wie „Rum Diary“ und stellenweise innerhalb der „Fluch der Karibik“-Reihe zu sehen gab. Kein Wunder: Verantwortlich hierfür zeichnete Dariusz Wolski, wie schon in besagten Filmen zuvor. Auf musikalischer Ebene hätte „The Counselor“ ein auffälligerer Score gut getan. Auch wenn sich die rhythmischen Latin-Klänge von Daniel Pemberton („The Awakening“) ordentlich in die Szenerie einfügen, fehlt es dem Soundtrack unüberhörbar an Wiedererkennungswert. Fazit „The Counselor“ besticht als hochintellektuelle und durch und durch zynische Drogenmilieustudie vor traumhafter Kulisse, die sich darauf verlässt, das ihr Publikum keinen High-Speed-Thriller erwartet. Vielmehr lässt Regisseur Ridley Scott zwei Extreme aufeinanderprallen und konstruiert hieraus ein extravagantes Weltbild, dessen Schockwirkung sich für den Zuschauer erst nach und nach erschließt. Die Perfidität und Wahrheit, die in dem schwerverdaulichen Stoff stecken, führen schließlich dazu, dass „The Counselor“ vor Zynismus nur so trieft und die zwischendurch eingeschobenen Oberflächlichkeiten noch mehr ins Mark gehen. Ein faszinierender Drahtseilakt, den Ridley Scott herausragend zu meistern weiß.

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  • 25-03-2014
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Filmkritik: Her

Mit dem Liebesdrama "Her" meldet sich Spike Jonze auf der großen Kinoleinwand zurück - und das gleich mit voller Wucht. Dem Regisseur gelingt ein Film der ganz besonderen Art und ging zu Recht mit fünf Nominierungen bei den Oscars 2014 ins Rennen. Immerhin eine Auszeichnung für das beste Originaldrehbuch konnte Spike Jonze am Ende mit nach Hause nehmen. Die Story Amerika, in naher Zukunft: Theodore (Joaquin Phoenix) schreibt Briefe. Nein, viel mehr diktiert er sie und das Betriebssystem auf seinem Computer schreibt sie für ihn nieder. Er tut das mit viel Hingabe und Emotionen. Am Ende des Tages geht ein Schwung geschriebener Briefe zum Adressaten. Wenn Theodore nach Hause kommt, ist er ziemlich einsam. Die Ehe mit seiner Frau Catherine (Rooney Mara) ist gescheitert und die Scheidungspapiere warten nur noch auf seine Unterschrift. Eines Tages kommt Theodore nach der Arbeit an einer Art Messe vorbei, die gerade für ein neues Betriebssystem wirbt. Es soll auf die individuellen Bedürfnisse des Besitzers eingehen und mit diesem kommunizieren können. Ohne sich groß etwas dabei zu denken, kauft sich Theodore eines der technischen Spielereien und installiert es zu Hause auch prompt auf seinem PC. Möchte er eine weibliche oder männliche Stimme? Klar, er wählt eine weibliche. Noch am Abend kommt Theodore mit Samantha (Scarlett Johansson), so der selbst erwählte Name des Betriebssystems, ins Gespräch. Immer öfter sprechen die beiden miteinander. Anfangs nur sporadisch, später werden die Gespräche intensiver. Das Betriebssystem ist so intelligent und ausgereift, dass es sich zwischenzeitlich auch von selbst bei seinem Besitzer meldet. Und irgendwann stellt Theodore fest: er ist verliebt! In Samantha! Was ist normal? Was ist wahre Liebe? Und muss sie zwingend mit Körperlichkeit in Verbindung stehen? Damit einher geht auch die Frage nach Normalität. Es sind die zentralen Punkte in "Her", die sich Regisseur und Drehbuchautor Spike Jonze stellt. Dieser ist für seine skurrilen Ideen bekannt. Bereits in "Being John Malkovich" und "Adaption." erschaffte er zwei entrückte, aber ganz wunderbare Filme. Der Unterschied von "Her" zu den zwei Vorgängerfilmen ist jedoch, dass Spike Jonze in diesem Fall in eine nicht allzu surreale Zukunft oder Gegenwart abdriftet. Es ist offensichtlich, dass sich der Zeitpunkt, zu dem "Her" spielt, in der Zukunft befindet - darauf lässt die technische Entwicklung schließen. Dennoch hat die Zukunft, die er darstellt, für unsereins bereits begonnen. Es gibt keine Raumschiffe oder fliegenden Autos á la "Star Trek". Es ist eine Zukunft, die nicht mehr allzu weit entfernt zu sein scheint, regelrecht greifbar. Viel interessanter in "Her" als nach der Zukunft ist jedoch die Frage nach der Liebe. Spike Jonze stellt ganz klar die realen, also körperlichen Beziehungen, den körperlosen und aus unserer Sicht surrealen gegenüber. Doch ist es alles so surreal? Wer sagt, dass Liebe mit Körperlichkeit einhergeht? Für die Menschen, die in Spike Jonzes Welt leben, ist eine Beziehung mit einem Betriebssystem, so wie sie Theodore führt, keine Seltenheit. Es ist Normalität. Dadurch bekommt der Zuschauer den Eindruck vermittelt, dass sich Spike Jonze ganz klar gegen die Liebe und die Beziehungen, wie wir sie heute kennen, ausspricht. Die Ehe von Theodore ist gescheitert und auch die Beziehung seiner besten Freundin Amy (Amy Adams) steht vor dem Aus. Ist in der dargestellten Zukunft überhaupt noch eine körperliche Beziehung möglich oder sind alle Menschen zu Eigenbrötlern verkommen, die es nur noch mit einem digitalen und körperlosen Gegenüber aushalten? Diese Fragen kreisen permanent im Kopf des Zuschauers. Körperlichkeit in "Her" Interessant ist auch ein weiteres Gedankenspiel, dass sich im Kopf der Zuschauer ereignet. Inwieweit schafft er es, die Körperlichkeit auszublenden? Das wird besonders in der Szene deutlich, in der Theodore und Samantha Sex haben. Die Leinwand wird schwarz - nur der Ton ist noch zu vernehmen. So wie Samantha keinen greifbaren Körper hat, so wird auch dem Kino sein Körper genommen: die Leinwand. Die Körperlichkeit ist also ein ganz spannender Faktor im Film, der sich nicht ausblenden lässt. Denn am Ende kehrt der Zuschauer unweigerlich zur Frage zurück: Was ist wahre Liebe? Muss Liebe zwischen zwei Menschen stattfinden? Was, wenn einer von beiden nur auf digitaler und somit körperlosen Ebene zugegen ist? Fazit Spike Jonze gelingt mit "Her" ein ganz wunderbares Liebesdrama - in meinen Augen bisher der beste Film, der im aktuellen Kinojahr angelaufen ist. Die Idee hinter der Story ist zwar Zukunftsdenken, aber dennoch ist es greifbar und nachvollziehbar. Joaquin Phoenix verkörpert Theodore mit so viel Gefühl - es ist definitiv eine seiner besseren Rollen, wenn nicht sogar die beste - Joaquin Phoenix in Höchstform. Die Kameraaufnahmen gehen zumeist direkt auf sein Gesicht und es steht zu Großteilen im Film im Mittelpunkt. "Her" ist eine Liebesgeschichte der besonderen Art, die zudem die Wahrnehmung der Zuschauer, für das, was unweigerlich in unserer digitalisierten Zeit bevorsteht, sensibilisiert. Und auch ist es ein Aufruf für die Liebe - egal, wie diese auch aussehen mag. Der Mensch braucht Zuneigung, selbst wenn diese nur durch eine Stimme kommt. Kinostart für "Her" ist der 27. März 2014.

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  • 25-03-2014
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Review: „The Walking Dead“ 4×15 (Spoiler!)

Die gestrige Folge "Vereint" konzentriert sich zum Einen auf die Gruppe um Glenn und zum Anderen auf Daryl und seine neue Entourage. Alle kommen dem Terminus näher, doch in der vorletzten Folge erreichen nur eine Handvoll das Ziel. Die Handlung Daryl ist von seiner unfreiwilligen neue Begleitung nicht gerade begeistert: Auch wenn Anführer Joe (Jeff Kobler) sich Daryl gegenüber nett verhält, haben andere Mitglieder Probleme mit dem Neuzugang. Len hat es auf Daryl abgesehen und provoziert immer wieder Streit. Joe stellt klar, dass es innerhalb ihrer Gruppe Regeln gibt, an die es sich zu halten gilt. Len verletzt eine dieser Maximen - er lügt - um Daryl erneut in Schwierigkeiten zu bringen. Als Strafe wird Len von seinen Kumpanen zu Tode geprügelt. Während der Folge stellt sich heraus, dass die Gruppe um Joe nicht, wie zuerst vermutet, auf dem Weg nach Terminus ist, sondern Rick jagt, um an ihm Rache zu üben - in "Claimed" brachte Rick einen von Joes Männern um. In der Zwischenzeit ist Glenn noch immer mit Tara, Eugene, Rosita und Abraham unterwegs. Glenn hat  inzwischen Maggies Hinweise gefunden und folgt ihnen. Als die Gruppe jedoch zu einem dunklen Tunnel kommt, der durchquert werden muss, um Maggie einzuholen, trennen sich die Wege vom Glenn-Tara-Duo und den anderen dreien - Abraham weigert sich, Eugene dieser Gefahr auszusetzen. Schließlich sind Glenn und Tara in dem Tunnel gefangen, doch Abraham und Co. kehren zurück und retten sie. Doch nicht nur das: Bei der Rettungsaktion haben sie Maggie, Bob und Sasha dabei! Sie machen sich alle gemeinsam auf den Weg nach Terminus und erreichen ihn auch. Auf der nächsten Seite geht es weiter!

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  • 25-03-2014
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Blu-ray-Kritik: Sein letztes Rennen

Es muss nicht alles "Nonstop Nonsens" sein, denn Dieter "Didi" Hallervorden kann auch anders: Mit "Sein letztes Rennen" meldete sich der Komiker im vergangenen Jahr im Kino zurück und beeindruckte mit seiner ernsten, aber liebevollen Rolle als ehemaliger Marathonläufer. Kilian Riedhof, der für seinen vorherigen Film "Homevideo" sogar mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, gelingt mit "Sein letztes Rennen" ein wunderbares Filmwerk, das auch vor Gesellschaftskritik keinen Halt macht. Die Story Immer weiterlaufen, nie stehen bleiben! Das ist das Credo von Paul Averhoff (Dieter Hallervorden), das er bereits sein ganzes Leben verfolgt hat. 1956 war er der deutsche Stern am Läuferhimmel bei der Olympiade in Melbourne, bei der er mit der Goldmedaille nach Hause kam. Doch das ist lange her und heute kann sich kaum noch jemand an diese Sternstunden erinnern - für die meisten ist Paul Averhoff ein alter Greis. Gemeinsam mit seiner Frau Margot (Tatja Seibt) führt er ganz normales Rentnerdasein: Er muckelt im Garten herum, während sich seine Frau um das Mittag kümmert. Doch ganz so einfach geht den beiden der Alltag nicht mehr von der Hand. Immer wieder gibt es kleinere Zwischenfälle, wie nun auch die Platzwunde von Margot. Für die gemeinsame Tochter Birgit (Heike Makatsch) ist das kein Zustand mehr. Einzige Lösung: Die Eltern müssen ins Altenheim. Gesagt, getan. Paul und Margot beziehen ihr Domizil. Der Tagesablauf ist tagein, tagaus identisch: Aufstehen, Frühstück, Gottesdienst, Mittagessen, Bastelstunde, Abendessen. Von Selbstentfaltung kann keine Rede sein. Ziemlich schnell merkt Paul, dass er dieses Leben nicht führen kann. In Erinnerungen schwelgend überlegt er sich wieder mit dem Laufen zu beginnen. Noch einmal am Berlin Marathon teilnehmen - das ist sein Ziel. Er beginnt zu trainieren, egal bei welchem Wetter und nach kurzer Zeit kann er auch seine Frau Margot überreden, wieder als Trainerin zu agieren - wie in alten Zeiten. Die übrigen Heimbewohner lassen sich schnell von dem Elan und Enthusiasmus ihres Mitbewohners anstecken und feuern Paul an, wann immer es geht -  erst recht nachdem er Pfleger Tobias (Frederick Lau) beim Wettlauf besiegt hat. Doch nicht alle freuen sich über den Bewegungsdrang: Heimleiterin Rita (Katrin Sass) und Betreuerin Frau Müller (Katharina Lorenz) setzen alle Hebel in Bewegung, Paul in seinem Vorhaben zu behindern, ebenso wie Heimbewohner Rudolf (Otto Mellies). Heldenkino mit Gesellschaftskritik Eigentlich ist "Sein letztes Rennen" eine klassische Heldengeschichte, doch Regisseur Kilian Riedhof verpackt sie in ein ganz wunderbar optimistisches Drama, das neben persönlichen Höhen und Tiefen auch vor etwas Gesellschaftskritik nicht zurückscheut. So ist ein zentrales Thema des Films der zweifelhafte Umgang mit alten Menschen in Deutschland. Vor allem Pfleger Tobias ist die Figur, die das ganze System infrage stellt - immer und immer wieder. Er fordert mehr Personal, denn durch den Mangel an Fachkräften können nicht alle Bewohner so betreut werden, wie es ihnen zusteht. Auch das Einstellen von billigeren osteuropäischen Fachkräften kritisiert er aufs Schärfste, denn diese können nicht auf die Bedürfnisse der Rentner eingehen aufgrund der Sprachbarrieren. Und wenn er selbst einmal zu viel Zeit bei einem seiner Bewohner verbringt, gibt es einen Rüffel. Doch auch Paul selbst führt das Leben in einem Wohnheim wie diesem, in dem er nun wohnt, vor: Statt sinnvollen Beschäftigungen haben die Rentner die Wahl zwischen Bastelstunden mit Kastanien für das anstehende Herbstfest oder Gesangsstunden mit altbackenen Kamellen. Nach einem erfüllten Lebensabend sieht das nicht aus. Und wenn doch einmal jemand ausbrechen möchte wie Paul und seinem Leben eine neue, frische Richtung geben will, wird er ausgebremst. Viel schlimmer noch: Er wird für verrückt und verwirrt erklärt. Statt ihn in seinem Vorhaben zu unterstützen, wird der Neurologe gerufen, der eine Altersdemenz feststellen soll. Paul wird regelrecht zum Invaliden gemacht, obwohl er alles andere als das ist. Er sei eine Gefahr für seine Mitmenschen heißt es. Doch es geht nicht darum Alten- oder Pflegeheime, wie sie in "Sein letztes Rennen" dargestellt werden, zu verteufeln. Stattdessen werden sowohl die positiven als auch die negativen Seiten einer solchen Einrichtung beleuchtet. Doch eben auch, dass nicht für jeden die starren Regeln und Vorschriften dort etwas sind. Er kann auch anders... Dieter Hallervorden verkörpert seinen Marathonläufer Paul Averhoff mit so viel Gefühl, dass nicht eine Sekunde der Gedanke verschwendet wird, wann denn nun die lustige Pointe kommt. Schließlich ist er in erster Linie als großartiger Komiker und Kabarettist bekannt. Das ist oft die Gefahr, wenn sich Komiker dem ernsten Schauspiel zuwenden. Doch in "Sein letztes Rennen" besteht nie der Zweifel an der Authentizität der Figur. Sicherlich bleibt die Frage, ob ein Mann in seinem Alter tatsächlich einen Marathon schaffen könnte, aber es ist eine Heldengeschichte. Da ist die Frage nach dem ob oder ob nicht irrelevant. Es ist absolut mitreißen, wie Dieter Hallervorden den inneren Kampf seiner Figur verkörpert. Erfolg, Leid, Verzweiflung, Trauer, Kampfgeist - all das wirkt in keiner Sekunde unglaubwürdig oder überzogen. Fazit Alles in allem ist "Sein letztes Rennen" ein ganz wunderbares Drama, das jedoch nie den Optimismus aus den Augen lässt. Es ist ein Appell an das Alter und dass gesteckte Ziele unabhängig von eben diesem sind. Immer weiterlaufen, nie stehen bleiben - dieses Credo lässt sich am Ende auf jede Generation übertragen. Egal, ob jung oder alt. Das Leben hat Höhen und Tiefen, durch die es sich durchzubeißen gilt. Und das stellt Kilian Riedhof ganz wunderbar dar, ohne allzu sehr mit der Moralkeule zu schwingen. Ab 28. März ist "Sein letztes Rennen" auf DVD und Blu-ray erhältlich. Zwar sind die Extras bis auf ein paar Audiokommentare und Interviews nicht allzu reichhaltig, doch umso mehr entschädigt der Film.

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  • 25-03-2014
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Filmkritik: „Banklady“

Deutschland ist nicht Hollywood. Viel zu oft sind sich Filmemacher hierzulande dessen nicht bewusst und versuchen, ihr Werk auf Teufel komm’ raus internationaler erscheinen zu lassen. Christian Alvart macht bei seiner Gaunerkomödie "Banklady" zwar nicht alles richtig, seine Verfilmung einer realen Hamburger Raubserie in den Sechzigerjahren zeigt dennoch, wie man visuelle Maßstäbe setzt. Mehr zum Film verrät IOFP. Sie war die erste Bankräuberin in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Tageszeitung machte sie zur „Ganovin mit den schönen Beinen“, ihre Taten wurden ebenso verabscheut wie bewundert: Gisela Werler. Doch einen enormen Unterhaltungswert hatte die lange Zeit nur „Banklady“ genannte Verbrecherin allemal. Sich dessen bewusst, kreierte der sowohl national als auch international bekannte Christian Alvart seinen sechsten Langspielfilm auf Basis der Vita der mittlerweile verstorbenen Hamburgerin. Nach einer wahren Geschichte... Hamburg in den frühen Sechzigern: Gisela Werler (Nadeshda Brennicke) ist ein Mauerblümchen, Arbeiterin in einer Tapetenfabrik und mit Dreißig noch unverheiratet. Als sie den Charmeur und Bankräuber Hermann Wittorff (Charly Hübner) kennenlernt, verändert sich ihr Leben auf einen Schlag. Schnell findet sie heraus, dass Hermann und sein Kumpel Uwe (Andreas Schmidt) Bankräuber sind. Zunächst hilft sie ihnen nur bei ihren Raubzügen, doch bald schon ist sie die treibende Kraft. Gisela lässt ihr altes Leben hinter sich und wird zur „Banklady“: In teuren Mänteln und Schuhen, mit Perücke und Sonnenbrille steht sie wieder und wieder an den Bankschaltern und erbeutet - höflich aber bewaffnet - immer mehr Geld. Längst stilisieren sie die Zeitungen zum Sexsymbol und die ganze Nation rätselt: Wer ist diese Frau? Aber auch die Ermittler Fischer (Ken Duken) und Kaminski (Heinz Hoenig) sind ihr auf den Fersen. Doch Gisela riskiert immer mehr für ihr wildes Leben, für die Freiheit und ihre Liebe zu Hermann. Nach der Inszenierung mehrerer „Tatort“-Episoden, so auch beider Vertreter mit Til Schweiger, sowie Alvarts eher Suspense-lastiger Filmausrichtung in Form des Horrorfilms „Fall 39“ oder des Psychtothrillers „Antikörper“ hätte man dem Filmemacher, Produzenten und Drehbuchautor durchaus eine temporeichere Version des Krimistoffes zugetraut. Stattdessen schwelgt der Regisseur viel lieber in amüsantem Lokalkolorit und kostet die vorzüglich in die Sechzigerjahre zurückversetzte und exzellent in Szene gesetzte Hansestadt mit Genuss aus. Vom Arbeiterviertel Altona und der ortsansässigen Tapetenfabrik über die nostalgisch anmutende Innenstadt bis hin zum Rotlichtviertel, der Hamburger Reeperbahn: In Sachen visueller Authentizität lassen sich weder der Regisseur selbst noch sein Kameramann The Chau Ngo („Phantomschmerz“) etwas vormachen. Herzstück dieses Pluspunkts ist eine schmissige Bildmontage diverser Raubzüge der Banklady, die im Stile eines typischen Sixties-Werbespots arrangiert sind. So generiert man Tempo und nicht zuletzt ein sich des Jahrzehnts anpassendes Wohlgefühl. Der Kinosaal wird zur Sechzigerjahre-Party. Ein zäher Einstieg Bis es soweit ist tritt Alvart in seiner Inszenierung jedoch merklich auf die Bremse. Die Drehbuchautoren Christoph Silber („Good Bye Lenin!“) und Kai Hafemeister („Der Wagner-Clan“) lassen den Figuren viel Zeit, um ihren Status innerhalb der Erzählung zu festigen. Zu viel. So muss erst eine halbe Stunde vergehen, bis Gisela, die ohne das Zusammenspiel mit den anderen Figuren zu blass für die Leinwand ist, auf ihren Hermann trifft. Sowohl Nadeshda Brennicke („Add a Friend“) als auch Charly Hübner („Bibi & Tina - Der Film“) sind ohne den jeweils anderen Filmpartner verloren. Hübner weiß das in gewohnt souveräner Manier jedoch wesentlich besser zu überspielen als Brennicke, die die erste halbe Film-Stunde fast gänzlich allein bestreitet und die Geduld des Publikums damit aufs Äußerste strapaziert. Dabei ist dies nicht einmal der hübschen Aktrice selbst geschuldet. Das Leben vor Gisela Werles Ganovenzeit gibt einfach kaum etwas Verfilmenswertes her. Erst als sie die Bekanntschaft mit Hermann Wittorff macht und der Fokus auf den Vorbereitungen der Überfälle, der Durchführung selbiger und dem Katz-und-Maus-Spiel mit den Polizisten liegt, nimmt „Banklady“ die eingangs erläuterte Fahrt auf. Entscheidet sich ein Filmemacher für die Leinwandvariation eines sich tatsächlich ereigneten Geschehens, bleibt den Verantwortlichen vor und hinter den Kulissen selten Platz für eigene Ansätze und Interpretationen. Gleichzeitig lassen sich Fehlschläge innerhalb der Inszenierung dadurch schnell auf die realen Gegebenheiten schieben. So bleibt es in „Banklady“ ein Rätsel, ob der von Ken Duken („ZweiOhrKüken“) verkörperte Kommissar Fischer in Wirklichkeit ein solcher Dramatiker war, oder seine Figur ein Opfer von brachialer Überdramatisierung geworden ist. Jedes noch so kleine Leinwand-Stelldichein Dukens ist von Dialogen geprägt, die der Feder eines gewissen William Shakespear zu entstammen scheinen – mehr Theatralik geht nicht. Selbst Heinz Hoenig („Kopf oder Zahl“) als dessen Vorgesetzter Kaminski scheint sich dabei nicht selten ein Schmunzeln verkneifen zu müssen. In den inszenatorischen Hochphasen, zu denen vornehmlich die mal mehr, mal weniger akribisch durchgeplanten Raubzüge gehören, hat „Banklady“ herrlich altmodischen Krimistoff zu bieten. So hätte ein „Tatort“ in den Sechzigern ausgesehen. Parallel zum temporeichen Crime-Plot erzählt der Film allerdings die viel interessantere Geschichte über den Sinneswandel der ambivalent gezeichneten Hauptfigur. Während sich Gisela zunächst vom Mauerblümchen zur selbstbewussten Frau entwickelt, verfällt sie schon bald nach und nach dem Größenwahn – und Hermann. Diese Verwicklungen gestalten sich ob vieler verschiedener Blickwinkel und einer hinterfragenden Beleuchtung der Ereignisse wesentlich intensiver als der eigentlich im Fokus stehende Krimi-Plot. Idealerweise würde ein Regisseur beide Faktoren zu gleichen Anteilen unter einen Hut bekommen. Christian Alvart scheint damit bisweilen überfordert und lässt es zu, dass der Film kein einheitliches Tempo findet und ein kontinuierlicher Spannungsaufbau fehlt. So plätschert „Banklady“ viel zu oft einfach nur dahin; interessante Nebenhandlungsstränge wie das schwierige Verhältnis zwischen Gisela und Hermann kommen dabei ebenso zu kurz. Fazit Mit seinen über zwei Stunden Laufzeit ist „Banklady“ um Einiges zu lang geraten. Auch spannungstechnisch scheint in dem als Gaunerstück angelegten Stoff wesentlich mehr Potenzial zu stecken, als es der Regisseur auszuschöpfen weiß. Stattdessen präsentiert Christian Alvart seinem Publikum eine interessante Mischung aus Kriminalkomödie und Charakterstudie, mit der er sich jedoch merklich übernimmt. Auch wenn der Film in seinen Hochphasen einen enormen Unterhaltungswert besitzt, hätte sich Alvart – der Kontinuität zuliebe – jedem Erzählstrang gleichermaßen zuwenden sollen.

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  • 24-03-2014
  • Archiv (nicht mehr nutzen)KinoReviews

Filmkritik: Die letzte Front – Defenders Of Riga

Seit Anbeginn des Farbfilmes haben sich Kriegsfilme immer einer großen Breite an Zuschauern erfreut und sich stets als kommerzielle Erfolge für die Studios entpuppt. Doch nicht nur die Filmschmiede in Hollywood hat dies unlängst erkennt, denn am heutigen Tag schwappt mit "Die Letzte Front – Defenders Of Riga" ein weiterer Kriegsfilm als Direct-To-DVD Streifen in die deutschen Händlerregale. Der Film ist nicht nur der erfolgreichste lettische Film aller Zeiten, sondern thematisiert auch die kaum verfilmten Ereignisse des ersten Weltkrieges. Wir verraten euch, ob "Die Letzte Front – Defenders Of Riga" auch in Deutschland ein Volltreffer ist oder doch nur ein Rohrkrepierer. Nach dem Krieg ist vor dem Krieg. 1919. Der erste Weltkrieg ist vorbei und sämtliche Soldaten Lettlands kehren zurück in Ihre Heimat, unter anderem auch Martin (Janis Reinis), welcher endlich seine geliebte Frau Elza (Elita Klavina) in die Arme nehmen darf. Doch der deutsche General von der Goltz (Romualds Ancans) hat die Kapitulation Deutschlands und das Ende des Krieges nicht akzeptiert und marschiert mit einer 50.000 Mann starken Armee vor den Toren der Riga auf, mit dem Ziel das Baltenland wieder unter deutsche Kontrolle zu bekommen. Aus Angst vor einem Flächenbrand zögern auch die Alliierten in diese drohende Eskalation einzugreifen und so sind die gerade heimgekehrten Kriegsveteranen auf sich allein gestellt. Blitzkrieg statt Blitzhochzeit. Um auch die weiblichen Zuschauer bei der Stange zu halten, haben Regisseur Aigars Grauba und Drehbuchautor Andrejs Ekis) tief in die Trickkiste gegriffen und mit Martin und Else zwei perfekte Figuren für ein Liebesdrama geschaffen. Selbstredend war es die Absicht des Regisseurs zu zeigen, dass auch während schrecklicher Kriegszeiten die Liebe am stärksten ist, doch dieser Versuch hat sich zu einem Blindgänger entwickelt. Anfänglich scheint die Beziehung der beiden Protagonisten und dessen Absichten sehr vielversprechend zu sein, doch fehlende Charakterisierung und die ständigen, nicht nachvollziehbaren Reaktionen der beiden Personen macht diese Liebesgeschichte sehr schnell uninteressant. Auch auftretende Nebencharakter oder der Antagonist sind kaum der Rede wert und sind schon vergessen sobald sie nicht mehr im Bild sind. Bleibt also nur noch das nicht aufhaltsame Aufeinandertreffen der deutschen und der lettischen Soldaten. Zwar müssen kriegshungrige Zuschauer gut eine Stunde bis zum ersten richtigen Gefecht warten, doch die investierte Zeit lohnt sich durchaus. Mit einer realistischen Soundkulisse, gut animierten Explosionen und rasant inszenierten Schusswechseln kommt der Krieg mit ganzer Wucht auf den Zuschauer zu. Heute wie vor 100 Jahren. "Die Letzte Front – Defenders Of Riga" ist ein aufwändig produzierter Kriegsstreifen, dessen Aushängeschild ganz klar die aufwändig gestalteten Kulissen, detaillierte Kleidungen und historische Fahrzeuge des frühen 20. Jahrhunderts sind. Musik, Schauspieler,  politisch diskutiere Themen und vor allem immer wieder gezeigte Originalaufnahmen schaffen eine gute Atmosphäre und versetzen den Zuschauer gelungen zurück in das Jahr 1919. Und nach dem Krieg? Als zusätzlichen Input bieten DVD- & Blu-ray Fassung den original Filmtrailer sowie ganze acht weitere Trailer von Filmen mit ähnlichen Inhalten wie zum Beispiel Battle Ground, Wings of Honour oder Das Feld der Ehre. Es darf zwar nicht vergessen werden, dass "Die letzte Front - Defenders Of Riga" bereits aus dem Jahr 2007 stammt, aber die Qualität der Blu-ray ist durch unscharfes oder gar körniges Bild zum Großteil enttäuschend, wer darüber hinwegsehen kann, der wird besonders von realistischen und ausgeprägten Soundeffekten belohnt werden. Fazit. "Die Letzte Front – Defenders Of Riga" ist wohl kein zweiter James Ryan, doch für Freunde historischer Kriegsfilme durchaus sehenswert. Über die ausnahmslos uninteressant geschriebenen Charakter lässt sich angesichts der hochwertigen Gefechte schnell hinweg sehen und unterm Strich bleibt das wirklich Interessante an diesem Kriegsfilm der Krieg an sich.

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  • 18-03-2014
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Filmkritik: „Lone Survivor“

In den USA entwickelte sich Peter Bergs Verschmelzung aus Action- und Kriegsfilm zum Kassenschlager und Nummer-eins-Hit. Wie empfänglich das deutsche Publikum für das knallharte Bleigewitter sein wird, ist schwer abzusehen. Dennoch lässt sich beurteilen, ob Peter Berg sein Handwerk versteht und "Lone Survivor" somit zu einem Film gemacht hat, den anzuschauen es sich lohnt. IOFP hat einen Blick auf den diesjährigen Oscar-Anwärter geworfen. Bereits 2012 versuchte „Hancock“-Regisseur Peter Berg, auf den Spuren eines gewissen Hollywood-Regisseurs zu wandeln, dessen Spezialgebiet Explosions-Orgien und Sonnenuntergangs-Schwelgereien sind. Der für vier Goldene Himbeeren nominierte Alien-Actioner „Battleship“ trug überdeutlich Michael-Bay-DNA, doch anders als der „Transformers“-Reihe blieb der Spielfilmvariante des Hasbro-Klassikers „Schiffe versenken“ der Kultstatus verwehrt. Während alle Welt derzeit darauf wartet, dass Bay im Juli dieses Jahres erneut sich transformierende Auto-Ungetüme aufeinander loslässt, war „Battleship“ – ursprünglich ebenfalls als Beginn eines neuen Franchises geplant – trotz eines deutlichen Plus an den Kinokassen keine Fortsetzung vergönnt. Nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil sich gestandene Hollywood-Größen wie Liam Neeson konsequent weigerten, ihren Film ernsthaft zu promoten. Mit  einer Wertung von 34 % auf der Internet-Plattform Rotten Tomatoes und einem somit unterdurchschnittlichen Kritiker-Tenor ging „Battleship“ aus gutem Grund nicht in die Annalen der Filmgeschichte ein. Auf den Spuren von Michael Bay Seither blieb es still um den Regisseur, Schauspieler und Autor Peter Berg, der zwischen „Battleship“ und seinem neusten Streifen „Lone Survivor“ lediglich einen Fernsehfilm drehte sowie sich als Produzent an der TV-Serie „The Fight Game with Jim Lampley“ beteiligte. Mit seinem zweifach Oscar-nominierten Kriegsfilm „Lone Survivor“ begibt sich Berg einmal mehr ins Fahrwasser seines Kollegen Michael Bay, beschränkt sich dabei jedoch vornehmlich auf die technische Gestaltung seines Werks. In Sachen Figurenzeichnung und Storytelling ist Berg seinem Kollegen – so mag man kaum glauben – haushoch unterlegen. Angesichts der auf eine Briefmarke passenden Geschichte sämtlicher „Transformers“-Filme sowie der dazugehörigen Charaktere ist dieses zweifelhafte Kunststück schon bemerkenswert. Noch erstaunlicher ist dabei allerdings, dass diese Schwachpunkte bei „Lone Survivor“ kaum ins Gewicht fallen. Immerhin ist die Produktion nicht viel mehr als ein filmgewordenes Ballerspiel vor recht imposanter Kulisse. Doch diesmal scheint der Filmemacher den Nerv des US-amerikanischen Publikums getroffen zu haben: Dort spielte der Streifen knapp 140 Millionen Dollar ein – fast das Vierfache seiner Produktionskosten. Afghanistan 2005: Vier Soldaten der US-Spezialeinheit Navy SEALs werden mit der Aufgabe, den Aufenthaltsort eines führenden Taliban-Kämpfers zu verifizieren, auf eine Beobachtungsmission in die Berge der afghanischen Provinz Kunar entsendet. Als die Männer bei ihrem Einsatz eine folgenschwere moralische Entscheidung treffen müssen, überschlagen sich die Ereignisse: Kommunikativ abgeschnitten von ihrer Einheit sehen sich die Soldaten innerhalb kürzester Zeit einer Übermacht von Taliban-Kämpfern gegenüber. Ohne jeden Ausweg müssen sie sich in dem unwegsamen Gebiet der Berge Afghanistans einem aussichtslosen Kampf stellen, der sie nicht nur physisch, sondern auch mental an die Grenzen des menschlich Erträglichen führt. Viel Action, wenig Story Hollwoodstar Mark Wahlberg („Ted“) scheint wie gemacht für die Rolle des Anführers Marcus Luttrell, auf dessen Erzählungen „Lone Survivor“ basiert. Nicht nur, dass der demnächst in „Transformers 4“ zu sehende Schönling auch privat nur selten mit seinem überschäumenden Patriotismus hinterm Berg hält, seine Affinität zu Waffen und die Freude am rasanten Schusswechsel sieht man dem 42-jährigen Mimen in jeder Sekunde an. Viel mehr haben weder er noch seine prominenten Kollegen wie Emile Hirsch („Into the Wild“) und Taylor Kitsch („Savages“) in „Lone Survivor“ zu tun – als „realer Ego-Shooter“ ist eine Story kaum existent; auch auf die Hintergründe der Figuren wird nicht näher eingegangen. Und das, wo der Film doch eigentlich auf wahren Ereignissen beruht. Während einige Diskussionen über eventuelle Taktiken und Aufnahmen der harten Rekruten-Ausbildung innerhalb der ersten Szenen ein loses Handlungsgerüst vortäuschen, bestehen die restlichen 100 Minuten aus knallharten Mann-gegen-Mann-Gefechten, deren kompromisslose Inszenierungen beeindruckend sind. Die beiden Oscar-Nominierungen für den Besten Ton und den Besten Tonschnitt kommen nicht von ungefähr: Die Verantwortlichen für das Sounddesign lassen Knochen knacksen und Gewehrkugeln einschlagen. Vor allem die Geräuschkulisse des Waldes ist von enormer Intensität und lässt dem Publikum den Eindruck, dieses befände sich Seite an Seite mit den Navy-SEALs. Ein weiterer Pluspunkt geht an das überaus gelungene Effekt-Make-Up: In zum Teil schmerzhaften Nahaufnahmen bekommt der Zuschauer verbrannte Gesichter, amputierte Gliedmaßen und blutüberströmte Verletzungen aller Art zu sehen – die fehlende Academy-Award-Nominierung in dieser durchaus experimentellen Kategorie ist unverständlich. Leider lässt Peter Berg sein Publikum darüber im Unklaren, mit welcher Intention er „Lone Survivor“ gedreht hat. Immer wieder überschneidet sich der knüppelharte, aufgrund seiner visuellen Brutalität teils nur schwer erträgliche Antikriegsfilm mit einem pathetischen Militär-Werbespot in Spielfilmlänge. Während die im Kugelhagel entstehenden Verletzungen im Close-Up ausgekostet werden und der Regisseur nicht darauf verzichtet, seine Darsteller psychische wie physische Qualen leiden zu lassen, bringen patriotische Schlachtrufe sowie romantisierende Bilder vor abnormal intensiven Sonnenuntergängen diese beinharte Stimmung immer wieder aus dem Rhythmus. Auch die makellose Kameraarbeit von Bergs Stamm-Kameramann Colby Parker Jr. („Battleship“) wirkt innerhalb des anarchischen Bleigewitters wie ein Fremdkörper, liefert dieser doch auf Hochglanz polierte Bilder, welche die knallharte Kriegsszenerie nicht zu unterstreichen wissen. Zudem verzichtet der Regisseur, der auch das Drehbuch schrieb, darauf, näher auf den Feind einzugehen. Peter Berg präsentiert dem Publikum einen Bösewicht, den es nicht zu hinterfragen hat. Es wird Zeuge eines klaren Gut-gegen-Böse-Kampfs – ob Gut wirklich gut und Böse wirklich böse ist, erfährt der deutsche Zuschauer nicht. Dass lediglich in buchstäblich aller letzter Sekunde angedeutet wird, dass nicht jeder Afghane automatisch ein Terrorist ist, entpuppt sich aufgrund seiner zeitlichen Platzierung innerhalb des Films als ärgerlich; scheint Berg dieses Statement so doch lediglich um des lieben Friedens willen eingebaut zu haben. Fazit Lässt man den fehlenden Plotaufbau sowie die unausgegorene Ausrichtung einmal beiseite, ist „Lone Survivor“ ein brachialer Kriegsactioner mit wenig Verstand, der auf der technischen Ebene allerdings zu überzeugen weiß und sein vorwiegend männliches Zielpublikum durchaus ansprechen wird. Einige ärgerliche Fehlschläge seitens der Regie und die sträflich vernachlässigten Charaktere verhindern dabei allerdings, dass man sich um das Leben der auf der Leinwand agierenden Rekruten sorgt – der Ausgang des Films bleibt gleichgültig.

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  • 11-03-2014
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Filmkritik: Die Bücherdiebin

Martin Zusaks Weltbestseller "Die Bücherdiebin" gehört heutzutage zur schulischen Pflichtlektüre über die NS-Zeit. Nun erscheint eine Spielfilmvariante des Stoffes, die jedoch nicht einmal ansatzweise die Intensität der Romanvorlage erreicht und sich in Teilen gar als gefährliche Romantisierung damaliger Kriegszustände entpuppt. IOFP.de erklärt, warum. Das Thema Nationalsozialismus wurde aus cineastischer Sicht schon von sämtlichen Seiten und auf alle erdenklichen Weisen beleuchtet. Ob Steven Spielbergs schwer verdauliche Kriegsstudie "Schindlers Liste", Stephen Daldrys Oscar-nominiertes Rührstück "Der Vorleser" oder aber Timo Vuorensolas persiflierende Nazi-Groteske "Iron Sky": Sie alle nutzen verschiedene Ansätze, um die Schrecken des Zweiten Weltkrieges aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu kommentieren. Während ein Steven Spielberg kompromisslos den Terror der damaligen Zeit greifbar macht, nutzt Stephen Daldry das Einzelschicksal einer (fiktiven) Roman-Figur um deren Erlebnisse während der NS-Jahre zu schildern. Einen ähnlichen Ansatz wählt nun auch "Downton Abbey"-Regisseur Brian Percival, der Martin Zusaks Weltbestseller „Die Bücherdiebin“ unter selbigem Namen verfilmte. Den Aufwand für die 19 Millionen US-Dollar teure, deutsch-amerikanische Co-Produktion sieht man dem hauptsächlich in München gedrehten "The Book Thief" – so der Originaltitel – auch überdeutlich an. Die Inszenierung selbst hinterlässt jedoch schon bald einen äußerst bitteren Beigeschmack. Der Krieg steht vor der Tür Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verliert die junge Liesel Meminger (Sophie Nélisse) ihre Familie. Sie kommt zu Pflegeeltern nach München. Der liebenswürdige Hans (Geoffrey Rush) und die anfangs herrische Rosa Hubermann (Emily Watson) nehmen sich des Mädchens an und bereiten ihr ein warmes und sicheres Zuhause. Mit der Zeit lernt Liesel lesen und entwickelt eine Faszination für Bücher, die zuhauf von den Nazis verbrannt werden. In Max (Ben Schnetzer), einem jüdischen Flüchtling, dem die Hubermanns in ihrem Keller Asyl gewähren, findet sie einen Gleichgesinnten. Gemeinsam flüchten sie sich in die Magie der Worte, während auf den Straßen der Krieg tobt. Der Ausgangslage von "Die Bücherdiebin", nämlich der Gesinnung der jungen Hauptfigur, sei durchaus eine gewisse Romantik zuzusprechen. Gerade weil die Romangrundlage keinerlei (auto)biographische Züge trägt, kann einem bei dem Gedanken an eine Buch-beschützende Literaturliebhaberin durchaus warm ums Herz werden. Martin Zusak gelingt es in seinem Bestseller, ebenjene Romantik mit den Schrecken des Krieges zu kombinieren. Obwohl auch er bereits den Fokus verstärkt auf die Faszination des Mädchens für die Bücher legt und den Nationalsozialismus mehr als Kulisse denn als aktiven Erzählstrang nutzt. Brian Percival geht mit seiner Inszenierung von "Die Bücherdiebin" noch einen Schritt weiter und stellt die NS-Zeit gar als eine solche dar, in der Familien zusammenwachsen und die Schrecken des Krieges allein durch viele, viele Umarmungen und das gegenseitige Gut-zu-Sprechen rasch überwunden werden können. Dass das für einen Oscar nominierte Drama (Bester Score: John Williams) dadurch vor allem verärgert und nie auch nur ansatzweise auf ehrliche Weise zu Herzen geht, ist da weniger beunruhigend als die Tatsache, dass ein derart lapidarer Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg zu einer völlig falschen Einschätzung seitens der angesprochenen Zielgruppe führt. Nicht umsonst ist „Die Bücherdiebin“ gern gewählte Schullektüre und ein Klassiker moderner Jugendliteratur. Die Romantik des Krieges Bereits in der Eröffnungssequenz deutet sich die Ausrichtung des Films an. In einer schwelgerischen Kamerafahrt (verantwortlich: Florian Ballhaus, "R.E.D.") aus einer Perspektive über den Wolken erzählt uns der Tod höchstpersönlich davon, wie ausgerechnet ihn das Schicksal der jungen Hauptfigur einst berührte. Dies wäre durchaus ein interessanter Kniff, würde besagter Tod die gezeigten Geschehnisse nicht dadurch verharmlosen, dass er immer wieder betont, dass Grauen und Schönheit deshalb nah beieinander liegen müssen, um die Bedrohlichkeit seiner allgegenwärtigen Präsenz hervorzuheben. Hätte sich Brian Percival dazu entschlossen, nicht nur die Schönheit des Todes – sofern man von einer solchen überhaupt sprechen kann – einzufangen, sondern auch das noch viel wichtigere Element des Grauens zu betrachten, wäre aus "Die Bücherdiebin" vielleicht sogar ein ansatzweise ernstzunehmender Film geworden. Stattdessen verliert sich die trotz allem wahnsinnig gut besetzte Buchverfilmung in unangenehm aufdringlichem Kitsch, der im Chaos des Zweiten Weltkriegs deplatziert wirkt und offensiv versucht, das Publikum dadurch auf seine Seite zu ziehen. Wenn etwa der von Geoffrey Rush ("The King’s Speech") angemessen sentimental verkörperte Ziehvater von Liesel erst unfreiwillig rekrutiert wird, um zwanzig Minuten und mehrere Film-Monate später vollkommen unversehrt wieder aufzutauchen als wäre nichts geschehen, könnte man entweder von einem Glücksfall sprechen – oder aber von einem Beispiel dafür, wie weichgespült das Skript von Michael Petroni doch ist. Angesichts der Tatsache, dass der Drehbuchautor bereits gelungene Werke zu Horrorfilmen (unter anderem „The Rite“) verfasste, wundert die hier ohne Herzblut dargebrachte Arbeit voll und ganz. Nun ließe sich möglicherweise der Ansatz finden, dass "Die Bücherdiebin" die Schrecken des Krieges gar nicht erst schonungslos darstellen will. So erwartet auch niemand von jedem Kriegsfilm mit NS-Thematik durchgehend die emotionale Wucht eines "Schindlers Liste". Wie eingangs erwähnt seien dem Thema unterschiedliche Betrachtungsweisen gewährt. Im Falle von "Die Bücherdiebin" also die aus der Sicht eines jungen Mädchens. Doch so rührselig die Geschichte um Liesel Meminger auch sein mag, legen mehrere Szenen offen, dass auch ein eher romantisch veranlagter Blickpunkt auf das Geschehen nicht umher kommen darf, gewisse Szenerien eindringlich darstellen zu müssen, um nicht lächerlich oder gar abgeschmackt zu wirken. Wenn die Gestapo (Matthias Matschke in einer ungewohnten Nebenrolle) die Keller der Dorfbewohner nach Juden durchsucht und die Familie Hubermann aufgrund von Max‘ unerlaubter Anwesenheit durchaus Grund hat, Todesängste durchzustehen, verliert diese interessante Szene – trotz ihrer unübersehbaren Schwachpunkte immer noch eine der intensivsten – dadurch an Wert, dass sie nicht nur innerhalb weniger Minuten abgehandelt wird, sondern dem Konflikt mit halbgaren Lösungsansätzen im Stile durchschnittlicher Komödien entkommt. Da muss schon mal eine Hakenkreuz-Flagge als „todsicheres“ Versteck herhalten. Figuren vom Reißbrett Leider bleiben dem Zuschauer all diese Verwicklungen gänzlich fern. Trotz der guten Besetzung, allen voran Sophie Nélisse ("Monsieur Lazhar") die sich in der Rolle der Liesel aufgrund ihres zurückhaltenden aber immer präsenten Spiels als echte Entdeckung entpuppt, entwickelt das Publikum nie eine Nähe zu den Protagonisten. Die eindimensional gezeichneten Charaktere, denen die auf Teufel komm‘ raus als Drache gezeichnete Rosa Hubermann die Krone aufsetzt, als sie zur Mitte des Films wie mit dem Vorschlaghammer plötzlich zur Sympathieträgerin gepresst wird, erfüllen ihr stereotypes Dasein. Der abenteuerlustige Raufbold und als Gegensatz zur Hauptfigur angelegte Rudy (Nico Liersch), der sensibel-zurückhaltende Flüchtling Max sowie sämtliche Bewohner der im Mittelpunkt der Erzählung befindlichen Straße sind allenfalls Abziehbilder gängiger Historienfilmcharaktere. Daran ändern auch bedeutungsschwangere Dialoge sowie penetranter Symbolismus nichts, wenn etwa Max stets mit einem Buch auf der Brust einschläft oder Rudy, Sportfreak und Rebell, auch in den bedrohlichsten Lebenslagen stets einen Fußball unter dem Arm trägt. Nur einmal entwickelt "Die Bücherdiebin" so etwas wie Persönlichkeit: Als Liesel zusammen mit ihren Pflegeeltern und Max zu einer Schneeballschlacht im heimischen Keller ansetzt, da der jüdische Gast zu Weihnachten nicht vor die Tür treten darf, kann der Streifen kurzweilig mit Emotionen überzeugen, die nicht gezwungen, sondern ehrlich, ja, fast anarchisch daherkommen. Als ebenso ärgerlich entpuppt sich neben dem sträflich vernachlässigten Umgang mit den Figuren auch der mit den eigentlich sehr authentischen Kulissen. Auf den ersten Blick beeindrucken die zum Großteil im Filmstudio Babelsberg erbauten Sets mit einer beachtlichen Detailverliebtheit. So versprüht die nachempfundene Münchner Himmelsstraße vor allem im Schnee eine ebenso gemütliche wie bedrohliche Atmosphäre; vor allem aber das Flair der damaligen Zeit. Doch schon bald entpuppt sich der offenbar beschränkte Platz als Krux: Einstellungen wiederholen sich, die nachgestellte Reichspogromnacht verkommt zur Farce, in welcher sich eine Handvoll Nationalsozialisten allenfalls ein kleines Handgemenge mit den ortsansässigen Juden liefern. Die wahre Dramatik der damaligen Zustände vermag "Die Bücherdiebin" nie auszustrahlen. Lediglich die anschaulich in Szene gesetzte Bücherverbrennung auf dem Marktplatz sorgt für Gänsehaut. Auch einige kunstvoll gestalteten Bildmontagen zu einem gelungenen aber insgesamt unauffällig bleibenden Score von John Williams sind nett anzusehen. Als Ausgleich für die vielen Schwachpunkte genügt dies jedoch noch lange nicht.

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